Textprobe aus  "Rückkehr der Träume"

 

 

Prolog

 

 

Der Tag, an dem ich zurückkomme, ist ein sonniger Julitag. Die Stockrosen stehen in Blüte, Bienen taumeln durch die erschlaffenden Kelche des Fingerhuts, und links von dem flachen Haus steht wie immer ein kräftiger Tupfer orangefarbener Ringelblumen. Die Hundehütte ist verschwunden. Auf der Rasenfläche liegt ein Haufen Holz herum, das von Anton zu Brennholz verarbeitet werden wird, jedenfalls war das früher so. Ausrangierte Paletten, Regalböden, sperriges Zeug, das wahrscheinlich zu einem Schrank gehörte.

Anton kam mir früher schon alt vor, aber als ich mich jetzt so umsehe, deuten einige Zeichen darauf hin, dass es ihn noch gibt. Ein fleckiger Overall, der an einem Nagel der geöffneten Schuppentür hängt. Das aufgeregte Gackern der Hühner hinter der Hecke. Der Handkarren, mit dem er schon früher zum Sperrholzsammeln loszog. Sein uralter Fiat 500, mit dem er mich damals zu der Schwester meiner Mutter geschafft hat, abgefahrene Sommerreifen im Schneeregen, die Heizung funktionierte nicht, sieben Stunden von Hamburg nach Frankfurt; sieben Stunden ohne ein Wort und nur seine langen, verfrorenen Finger am Steuer.

In Frankfurt parkte er den Fiat vor einem hell erleuchteten Gardinenfachgeschäft, blies sich in die Hände und sah mich nicht an, während die Worte in weißen Rauchwolken aus seinem Mund trieben.

„Deine Mutter hat es nur gut gemeint“, sagte Anton; danach füllte wieder das Schweigen den Raum zwischen uns.

 

Sie haben eines dieser weißen Partyzelte auf die Terrasse gestellt, das ist neu, jetzt können sie auch bei Regen aus dem Haus treten, ohne gleich nass zu werden. Es regnet oft hier im Norden, sagt man, ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Früher habe ich es nicht so empfunden, die Sommer waren, wie sie sein sollen, aber vielleicht täuscht einen ja die Erinnerung im Nachhinein wie so vieles andere auch.

Ich höre ihr Husten, bevor ich sie sehe. Sie sitzt unter dem Partyzelt. Sie hat die dürren, nackten Beine in dieser typischen Haltung übereinander geschlagen und den rechten Fuß hinter der linken Wade verknotet. Ihre Füße stecken in Frotteepantoffeln, und ihr Rücken ist über einem Päckchen Tabak gekrümmt, aus dem sie sich ihre Tagesration stopfen wird. Es ist noch früh, erst gegen neun, sie trägt wegen der Hitze einen weiten, luftigen Baumwollkittel. Sie ist beinahe siebzig Jahre alt, und sie ist meine Mutter.

 

Sie ist so alt geworden, dass vor Erschütterung mein Herz zu hämmern beginnt. Auf der Straße hätte ich meine Mutter nicht erkannt. Ich taste an meinem Hals nach der schmalen Kette und greife nach dem Anhänger. Ich krampfe meine Hand um das schmale, glatte, silberne D und versuche, wieder ruhiger zu atmen. Ich frage mich, was ich sonst noch fühle, als ich sie so da sitzen sehe. Ich stehe hinter dem Birnbaum, kratze mit den Nägeln durch die Rinde, bis es wehtut, und fühle in mich hinein. Ich bemerke eigentlich nur, dass der Tisch, an dem sie sitzt, derselbe ist wie vor dreißig Jahren, nur dass die hellblaue Farbe jetzt auch schon an den Beinen abgeblättert ist.

Jemand, wahrscheinlich Anton, hat zwischen zwei der Tischbeine eine rohe Holzlatte genagelt, eine Querverstrebung, viel mehr als Provisorien hat er nie hingekriegt. Der Tisch hat schon immer gewackelt, damals schon, als ich dreizehn war und nachmittags mit Angie dort saß und mich nicht traute, ihr zu sagen, wie sehr ich verliebt in sie war.

Heute ist das einfacher, überhaupt wäre das alles heute so nicht passiert, aber damals glaubten sie, sie müssten mir eine Lektion erteilen. Das Einzige, was ich heute noch von meiner Mutter will, ist, dass sie mir sagt, warum sie das damals gemacht hat. Ich will, dass sie mir Erklärungen gibt, die mich zufrieden stellen. Ich will ihr sagen, wo Daniel ist, wo man ihn damals hingebracht hat, will ihr von dem Grabstein erzählen, mit seinem Namen darauf. Nach über dreißig Jahren bin ich zurückgekommen. Ich gönne ihnen gerne den Triumph, dass sie glauben, ich krieche zu Kreuze.

Ich bin jetzt fast fünfzig, und ich hasse sie immer noch. Sie ist alt geworden, und sie wird noch älter werden. Sie gehört zu der Sorte Frauen, deren Gesichter ledrig sind, trocken vor Bitterkeit, doch hinter den schlaffen Brüsten tickt ihr Herz im rastlosen Takt einer bösen Neugier, die sie am Leben erhält: dem Wunsch, zu sehen, was aus den Trümmern der Menschen wird, an deren Zerstörung sie Anteil hatten.

 

Sonntags, in der Kirche, ihre dünne Stimme beim Singen der Kirchenlieder. Ich trug weiße Söckchen und Lackschuhe, ihr Atem roch nach Pfefferminz und Nikotin. Ihre bleiche Zunge, wenn sie aus der Hand des Kaplans die Hostie erhielt, flatternde Augen­lider, ihr hastiges Kreuzzeichen. Ich war vierzehn damals, ich war in Angie verliebt, Vater war schon gestorben, und Anton wartete hinten im Kirchenschiff. Anton, der Pole, der nach dem Tod meines Vaters wie aus dem Nichts erschienen war, der Brennholz herangeschafft und die Hecken geschnitten, einen Hühnerstall gebaut hatte und schließlich geblieben war.

Er stand stocksteif hinten unter der Orgel. Er drehte Vaters schwarzen Hut mit der breiten Krempe in der Hand; er bewegte beim Vaterunser leise die Lippen, und wenn ich verstohlen zu ihm hinüber sah, wandte er den Blick ab, als hätte ich ihn bei etwas ertappt. Er reihte sich Sonntag für Sonntag als einer der Letzten zum Kommuniongang ein. Er kniete vor dem Priester nieder und schlug danach umständlich das Kreuzzeichen, mit so ausholenden, großartigen Bewegungen, dass ich mir das Lachen verkneifen musste, wenn er mit steinernem Gesicht und gefalteten Händen an unserer Bank vorbei zurück zu dem Platz unter der Orgel schritt.

Später, wenn wir nach Hause liefen, erst die vierspurige Straße entlang, dann ein Stück durch den Wald und schließlich den langen, holprigen Weg durch die Lauben bis zu unserem Haus, hatte er den Hut in die Stirn gedrückt und die knochigen Schultern nach oben gezogen. Er sagte nicht viel, er ging ein paar Schritte vor uns her, und Mutter und ich gingen in gebührendem Abstand hinter ihm, denn alles andere hätte sich vor den Leuten nicht gehört.

 

Ich sehe auf die Uhr. Wenn alles ist wie damals – und nichts deutet darauf hin, dass es anders ist –, wird Hilda Bernstein, die Nachbarin von schräg gegenüber, auf der Terrasse hinter dem Haus beim Frühstück sitzen. Vor drei Wochen habe ich von Frankfurt aus bei ihr angerufen, um zu überprüfen, ob es sie noch gibt.

Auch sie gibt es noch, meine liebe, alte Hilda. Und seltsamerweise klingt ihre Stimme genauso wie vor einer halben Ewigkeit: laut und lebhaft, als wäre sie höchstens dreißig und nicht schon knapp über siebzig. Als ich in den Hörer sagte: „Oh, bitte entschuldigen Sie, ich

habe die falsche Nummer gewählt“, hörte ich ihr warmes, dröhnendes Lachen und die Versicherung, dass das nicht weiter tragisch sei. Sie wird erstaunt sein, mich gleich zu sehen, aber sie wird mich hereinbitten.

Ich denke, dass meine Rechnung aufgeht und ich eine Zeit lang bei ihr wohnen kann. Hilda hat mich immer gemocht. Es gab eine Zeit, da war ich mehr bei ihr als bei Mutter; da habe ich praktisch bei ihr gewohnt. Mutter bestand darauf, dass ich zumindest nachts in meinem Zimmer schlief. Hildas Zwillinge, Klaus und Kurt, waren gut zwei Jahre älter als ich, sie waren langsam in dem Alter, und wer wusste, was da nachts nicht so alles hätte passieren können.

Doch es passierte auch so – am helllichten Tag.

 

Meine Mutter hat inzwischen ihre Tagesration Zigaretten fertig gestopft, streift mit einer nachlässigen Bewegung die Frotteepantoffeln von den Füßen und lehnt sich in ihrem Sessel zurück. Ihre müden Oberarme hängen wie Lappen, als sie die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ihre blassen Achselhöhlen sind nackt. Ihre Augenlider flattern. Eine riesige lärmende Verkehrsmaschine verdunkelt für Sekunden die Sonne: Eine Boeing der British Airways ist auf dem Flughafen kaum fünf Minuten von hier gestartet. Meine Mutter schaut der Maschine mit gerecktem Hals und wütend zusammengekniffenen Lippen nach und nimmt die Arme nach vorne. Ich lasse noch einen Moment meine Hand auf dem Stamm des Birnbaums liegen, dann drehe ich mich um und schleiche davon wie ein Dieb.

Ich blicke auf mein Handy, um zu sehen, ob Marga mir eine Nachricht geschickt hat. Marga ist vor zwei Tagen nach Buenos Aires geflogen; sie will auf Dauer in Südamerika bleiben. Unser Plan ist, dass ich nachkomme, wenn ich das hier erledigt habe. Möglich, dass ich vorher noch ein paar Tage zu Joan nach Irland fliege; ich kenne sie seit dem Kunstgeschichte-Studium in Frankfurt. Lust dazu hätte ich jedenfalls, und solange ich noch in Europa bin, sollte ich das ausnutzen.

 

Marga ist Biologin, Hepatitis-B-Forscherin; die Universität von Buenos Aires hat ihr einen gut bezahlten Job angeboten. In Frankfurt war sie über ein Jahr arbeitslos; also hat sie sofort zugegriffen. Sie spricht fließend Spanisch, ihr Großvater kam aus Barcelona, und ihre Eltern haben sie zweisprachig erzogen.

Unsere Wohnung im Frankfurter Westend haben zwei Studentinnen gemietet. Unsere Möbel, den Hausrat, Margas Cello und unsere privaten Dinge haben wir in einem Container untergebracht und verschifft. Wenn ich ankomme, wird auch der Container längst eingetroffen sein. Den größten Platz nehmen ohnehin Margas Sachen ein. Zwei Koffer von mir, mit Fotos, Briefen, meinem Tagebuch, einige Bilder, an denen ich hänge, der alte Sekretär – das Einzige, was ich von Karen behalten wollte. Das ist alles, was im Bauch eines Frachtschiffes durch die Dünung nach Argentinien reist.

Das ist alles, was ich besitze.

 

Marga hofft, dass der Abstand uns gut tun wird. Ich glaube nicht wirklich daran. Aber ich bin entschlossen, mir Mühe zu geben, zumindest bilde ich mir das ein, denn ich will glauben, dass Abstand gut tut, wenn die Nähe unerträglich geworden, der Wunsch danach aber weiter lebendig ist. Irgendwo muss man anfangen, auch wenn man nicht sicher ist, ob der erste Schritt in die richtige Richtung geht. Wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln, ob es überhaupt mit uns weitergeht. Aber immerhin war es Marga, die auf mich einredete, nach Hamburg zurückzufahren, mich dem zu stellen, was mich Jahrzehnte hindurch gequält und porös gemacht hat wie einen ausgewaschenen Stein.

„Du musst deinen Frieden mit deiner Mutter machen“, hatte Marga gesagt und ein Lächeln hervorgezaubert, das gleichzeitig Milde und Strenge signalisieren sollte. Es kam mir vor, als säße mir Dr. Freitag in der Therapiestunde gegenüber. „Versuch es. Lass es zumindest nicht unversucht. Du wirst es bereuen, wenn du demnächst in Buenos Aires sitzt und nichts unternommen hast. Du schleppst den ganzen Kram mit über den großen Teich. Dann sitzt du da. Und so eben mal fliegst du garantiert nicht zurück!“

Als sicher war, dass sie den Job an der Universität von Buenos Aires bekommen und ich nachkommen würde, verstand ich, dass ich, wenn ich es überhaupt tun wollte, es jetzt tun musste. Wenn ich erst einmal am anderen Ende der Welt angekommen war, würde ich wahrscheinlich wirklich so bald nicht mehr zurückkehren. Wozu auch.

 

Frieden machen.

Natürlich, ich weiß, dass das gut wäre, ich weiß sogar, wie gut das wäre, doch noch während ich Marga in die Augen sah und zustimmend nickte, dachte ich, dass ich nicht verzeihen würde. Meine Mutter verdient keine Gnade. Sie hat mich nie geliebt; Kinder spüren, wenn sie geliebt werden. Und wenn sie nicht geliebt werden, spüren sie es selbstverständlich auch. Ich hasse meine Mutter dafür, dass ich zurückgekommen bin. Ich hasse sie für das, was sie mich zu tun zwingt. Ich bereue schon in diesem Moment, was ich noch gar nicht getan habe, und werde es dennoch tun.

Ich habe meinen Peugeot auf dem Waldparkplatz abgestellt. Er ist bis unters Dach beladen: Bücher, einige Koffer mit Kleinkram und Kleidung für den Sommer und den kommenden Herbst, meine Medikamente. Alles andere ist in dem Container nach Argentinien unterwegs. Meinen Laptop habe ich natürlich dabei; ich werde fürs Erste nur über mein Handy oder per E-Mail zu erreichen sein. Den roten Plüschhasen, den meine Tante damals bei meiner Ankunft in ihrer Frankfurter Wohnung auf mein Bett gesetzt hatte, habe ich ebenfalls mitgenommen.

Ich habe gespart; das Geld wird für einige Monate reichen. Wenn ich hier fertig bin, werde ich weitersehen. Joan bietet mit seit Jahren an, zu ihr nach Irland zu kommen, egal wie lange, es sei genug Platz da, versichert sie immer wieder. Seit dem Tod ihres Mannes fühlt sie sich sehr allein.

Marga ist einverstanden. Für sie ist es in Ordnung, dass ich möglicherweise erst im Herbst nachkomme. Sie braucht ohnehin Zeit, um sich einzuarbeiten. Sie reizt, auch wenn sie es nie zugeben würde, natürlich auch der Gedanke, die Wohnung allein einzurichten. Wir hatten immer schon Streit, wenn wir das gemeinsam versuchten. Käme ich erst im Herbst, hätte sie Tatsachen geschaffen, die ich nur schwer würde rückgängig machen können. Marga mag es, unverrückbare Tatsachen zu schaffen.

Es gab eine Zeit, da habe ich mich damit wohl gefühlt.