25. April 2022

 

Unterm Flieder

 

Ich bringe dir einen Strauß Sätze

mit du magst Nelken ich habe

auch noch Kosmeen dabei und

Kalifornischen Mohn komm

mit in den Garten unter

den Flieder dein blauer Blick

soll strahlen unter meiner Rede

soll die Kälte der Welt

zu Splittern zerspringen sich

neu formieren zu fetten Wiesen wo

sich munter Sumpfdotterblumen

tummeln bereit sich zu rangeln

um den besten Platz

im Licht um ein Lächeln von dir.

 

 

 

aus: Ursula Maria Wartmann Am Ende der Sichtachse, edition offenes feld 2022 Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung


23. April 2022

 

Volles Haus im Blauen Salon

 

Zur Lesung mit der Kollegin Franziska Beyer-Lallauret und mir und kongenial dem Gitarristen Peter Klose waren zahlreiche Gäste nach Dortmund-Dorstfeld gepilgert. Alte Bekannte und hinter den Masken neue Gesichter; Menschen, die Lyrik lieben und solche, denen Lyrik (bisher) nicht so viel sagte - so jedenfalls das eine oder andere diskrete Bekenntnis aus der Gästeschar, bevor es dann kurz vor der blauen Stunde losging im wunderschönen Salon.

Nach unserer Lesung war vieles anders. Da sagte Lyrik auf einmal vielen viel. Das "Spiegeln", unser Reden über das jeweilige Gedicht der anderen und die Gemeinsamkeiten, war spannend und wirklich aufschlussreich fürs Publikum. Die berühmte Stecknadel ... beim Lesen hätte man sie fallen hören können. Der Applaus am Ende: war riesig.

Anschließend noch ein Absacker bei Gülten und Cüneyt im im Biercafé West. Ein großes Dankeschön von mir noch einmal an Claudia Vennes von der Stadt- und Landesbibliothek, die sich im Januar sofort für unsere Idee begeistern ließ. Danach hieß es: Machen! Mal sehen, welche Ideen noch aus dem Hut gezaubert werden können.

Fotos: Petra Paplewsky


14. April 2022

Mein jüngstes Gedicht zum Thema Krieg: "Versprich es!"

Zum Herunterladen auf den Balken klicken.

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Karfreitag 2022

 

Mahnmal Bittermark

 

An der 1960 im Auftrag der Stadt Dortmund errichteten Gedenkstätte fand nach zweijähriger Corona-Pause heute wieder eine Gedenkveranstaltung statt. Sehr viele waren gekommen, auch zahlreiche junge Leute, die zum Teil als "Erinnerungsbotschafter*innen" unterwegs sind.

Das Mahnmal und der durch den Stadtwald Bittermark steil ansteigende Weg dorthin, flankiert von zahleichen Fotos der Opfer, erinnert an die perfiden Morde der Nazis in den allerletzten Kriegstagen.

Um die Osterzeit wurden etwas 300 Menschen - ausländische Zwangsarbeiter*innen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Jugoslawien Polen und der Sowjetunion und Deutsche im Widerstand - erschossen und in Massengräbern verscharrt. Sie waren aus dem Hörder Gestapokeller und der Steinwache in die Bittermark und den Rombergpark verschleppt und dann ermordet worden. Am 19. April wurde unter der Regie der amerikanischen Truppen mit der Exhumierung der Leichen begonnen.


15. April 2022 / 2

 

Schöne Route durchs Unionviertel ...

natürlich wieder im Wahlkampfmodus.




13. April 2022

 

aus: Ursula Maria Wartmann Am Ende der Sichtachse, edition offenes feld 2022 Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung

 

 

 

Auf dem Weg zu dir

 

Dann stoße ich endlich die Tür zur

Waldlichtung auf oben streunt

ein Bussardpaar im Himmelskobalt

kreist und neckt sich und unten

sickert Sonne auf‘s rostige Braun

weicher Nadeln. Meine Stirn

lehnt stumm am Zittern

der hohen Fichte die sich wankend

an ihrer Schwester reibt roh

das Ächzen der Stämme schrill

wie die Schreie der Pfauen

hinten am Schloss. Sonnenknistern. 

 

Im schillernden Radschlag

der Federn das Funkeln des Fensters

als du es hastig schließt.

 

Ich bin auf dem Weg

zu dir. Ich lausche. Die Stille bauscht

die Netze der achtäugigen Spinnen.




8.April 2022

 

Seit vierzig Jahren

fast nichts verändert - 

 

darauf ist Hasan Sahin stolz, und dafür lieben die Leute ihn und seinen Buchladen mitsamt dem Café. Das Taranta Babu im Dortmunder Klinikviertel ist Legende. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der oder die noch nicht in dieser Kultstätte zu Gast war: Wer schreibt oder sonstwie mit Sprache, Büchern, Dichtung zu tun hat, kennt das Taranta Babu und war sicher bei einer der vielen Veranstaltungen zu Gast. Nichts ist hier chic, alles ist gewachsen, die Ordnung ist überschaubar, das kleine Chaos von riesigem Charme. Hasan selbst ist, wie sollte es anders sein, nicht mehr der Jüngste, er geht auf die Mitte Siebzig zu, aber er plant: Gesprächsrunden, Vorträge und Lesungen. Und wenn jemand Ideen hat? Her damit! Einer wie er läßt sich noch immer begeistern. Und natürlich, keine Frage. Mach das Plakat dran, hast du Tesa da? Wo liest du? Schöner Ort, der Blaue Salon ... 



1. April

 

Was für eine Freude: die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik mit Sitz in Leipzig hat meinen Gedichtband "Am Ende der Sichtachse" als Empfehlung des Monats auf ihre Seite gestellt.

Eine tolle Rezension dazu von Monika Hähnel, für die ich mich sehr bedanke. Mehr unter:

https://lyrikgesellschaft.de/ursula-maria-wartmann/


1. April / 2.

 

Mein jüngstes Gedicht zum Thema Krieg.

 

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31. März 2022

 

Wahlkampf!

 

Die heiße Phase beginnt im Keller einer Schule. Ab morgen schlag Mitternacht können Wahlplakate gehängt werden.




April

 

Die Sonne duftet im Rosmarin

klettert der glänzende Panzer

des Käfers, da! das Förmchen

des Kindes da

liegt es kalt

unterm Buxus.

 

Die frühe Felsenbirne treibt

aus erste Knospen im Wind

zittert Flaum junger Weidenkätzchen.

 

Im April ist nicht gut Kirschen essen

flutet noch Hagel

die Wiesen das Moos.

 

 

28. März 2022

 

Gedicht zum April

 

Schon bald wird uns die Fülle

berauschen wird die Tür

des Hauses von blauem Duft

bewuchert sein.

Glyzinien werden

den Sonnentag sprengen.

 

Ich werde mein Sehnen

mit weitem Arm in

die Zukunft werfen wie

einen Anker. Hier

bleibe ich. Hier

pflück ich gelbe Falter

aus der Luft Libellen lass

sie auf meinem Handrücken

tanzen.

 

Ursula Maria Wartmann:Gegen acht im Park, edition offenes feld 2021



19. März 2022

 

Zeeland am Strand

 

in Goes, in Middelburg. Überall wird Flagge gezeigt, flattert die Fahne der Ukraine im Wind. An Kirchen, an Rathäusern: Solidarität.

Am Strand in Westkapelle war am Freitag alles ruhig und friedlich, man sonnte sich, trank einen Milchkaffee, stakste mit bloßen

Füßen durchs ziemlich kalte Wasser, und dann: rasten auf einmal drei mal zwei Kampfflugzeuge sehr tief über die Nordsee, laut und so schnell, dass man glaubte ... geträumt zu haben, kaum, dass es vorbei war.

Gespenstisch!



18. März 2022

 

Vorfrühling in Zeeland

 

und doch ist alles überschattet vom Krieg in der Ukraine, den wir in Zoutelande Abend für Abend am Fernsehen mitverfolgen. 

Überall Diskussionen und weiterhin eine völlige Fassungslosigkeit, dass so etwas mitten in unserem Europa hier und heute passieren kann. Aber schon immer war da in meiner Generation bei vielen (wie wir jetzt oft in den Gesprächen hören) dieser leise Unglaube, dieses oft auch tief drinnen ängstliche Staunen darüber, dass wir seit Generationen die erste sein sollen, die Krieg nie erlebt hat. Hoffen wir und, wenn wir können, beten wir, dass sich die Dinge wieder zum Frieden wenden.

 

Holland ist bunt, verspielt und quicklebendig wie eh und je. Trotz beinahe doppelt so hoher Inzidenzen wie in Deutschland sieht man keine Masken mehr. Wie schnell man leichtsinnig wird. Nach einem Tag in Vlissingen kam es uns vor, als hätte es Corona nie gegeben. Kaum etwas erinnert hier daran.


Monika Littau: Manchmal oben Licht. edition offenes feld 2021. Hardcover mit Schutzumschlag.

Sie finden die Rezension unter "Textproben"

17. März 2022

 

Langer Abschied

 

Elternabschied in VII Stationen - so nennt die in Bonn und Remagen lebende Schriftstellerin Monika Littau ihr neuesten Werk - lyrische Prosa, dicht und unverblümt. Es ist die Schilderung einer Lebensbegleitung auf dem letzten Weg ihrer Eltern. Littau beschreibt die Demenzerkrankung von Mutter und Vater, geht zurück in Erinnerung und Kindheit. Sehr berührend.



11. März 2022

 

Die sentimentale Eiche -

 

so nennt der in Steinfurt lebende Schriftsteller Matthias Engels sein nun in dritter Folge erscheinendes Literaturmagazin, das sich in der Anmutung charmant old fashioned und in Westfalen lebenden Schreibenden eine Plattform gibt. Der Name nimmt Bezug auf den großen Dichter Heinrich Heine (geb. 1797 in Düsseldorf - gest. 1856 in Paris), der schrieb: "Sie fechten gut, sie trinken gut / Und wenn sie die Hand dir reichen / Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen."

Auch rheinische Frohnaturen dürfen bei all den senitmentalen Eichen mitmischen ..., wenn sie denn ihre Zelte in Westfalen aufgeschlagen haben. In Nummer 2 war ich - mein Zelt steht in Dortmund -  mit einigen Gedichten vertreten. In Nummer 3 eröffnet Matthias Engels den Reigen im Netz mit einer Rezension der bekannten und in der literarischen Szene überaus rührigen Schriftstellerin Monika Littau, die meinen Lyrikband "Am Ende der Sichtachse" besprochen hat, der, von Jürgen Brôcan herausgegeben, in der edition offenes feld erschienen ist.

 

Et voilà, hier klicken:

https://sentimentaleeiche.wixsite.com/website/post/ursula-maria-wartmanns-gedichtband-am-ende-der-sichtachse-rezensiert-von-monika-littau?fbclid=IwAR2QysRXptNTLN07MWfespagb40-vTCq8HzcsSkCfKBdpAbXVULU8oDZgqA

 


 

10. März 2022

 

In Stellung

 

Wohin ist der Krieg

gegangen fragt das Kind

der Himmel schäumt seit Tagen

in ruhigem milchigem Weiß und

das Kind schaut über

das blühende Feld legt

den Armstumpf über die Stirn

zum Schutz vor hellem Himmel

kneift es die Augen zu Schlitzen

zu so ruhig sagt das Kind aber wo ist er

der Krieg liegt im Graben in Stellung

die Stiefel gewichst die Bajonette

geschärft doch das sagt niemand

dem Kind hat genug gesehen das Kind

und erlebt soll nun glücklich sein.

 

aus: Ursula Maria Wartmann Am Ende der Sichtachse, edition offenes feld 2022 Hardcover mit Schutzumschlag


Am Freitag, den 22. April im Blauen Salon: Spiegelgedichte

Gerne auch jetzt schon anmelden:

Tel. 0231.50-2 32 37 oder

schultewittenhaus@stadtdo.de

5. März 2022

 

Manche fragen

 

wie wir uns kennengelernt haben?!

Die Anwort ist: Wir kennen uns nicht, jedenfalls nicht

leibhaftig. Erste Kontakte zwischen den dichtenden Damen entstanden übers Internet - kurz vor der Lesung  werden wir uns dann erstmals in den Armen liegen.  Auch der Gitarrist ist - noch - ein großer Unbekannter. Das wird spannend!

 

https://www.franziska-beyerlallauret.eu
 

 



Ursula Maria Wartmann:

Am Ende der Sichtachse, edition offenes feld 2022

Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung.

19,50 zu beziehen über den Buchandel oder übers Internet.

 

1. März 2022


 

Raureif

 

 

Ich reiße die Tage

aus dem Kalender

schichte die Stunden

wie Holz auf dem Stoß

auf klebe Zeitungsschnipsel

ins Logbuch gebe Losungen

aus für die hungrigen Tiere.

 

Am See haust der krumme Glöckner

im Kirchturm am Seil schwingt die

Deutung der schalldichten Träume

mit der Kälte der ruppigen Tage wohin

man auch sieht: Raureif. Leere Augen

hungrige Münder voll Puderzucker und

stolzer Parolen wo Herzen zucken

pumpen sie süße Klumpen durchs Blut.

 



25. Februar 2022

 

KRIEG IN EUROPA

 

Wir besuchten Schloß Dyck in Bedburdyck, eines der bedeutendsten Schlösser des Rheinlands, als die örtliche Tageszeitung so titelte. Unser ganzes heißes Mitgefühl gilt den Menschen in der Ukraine.




 
 

Bangemachen gilt

"Spannend geht es los in Ursula Maria Wartmanns Gedichtband Gegen acht im Park. Mit einem Fahndungsplakat wird auf einer spanischen Insel nach einem Mörder gesucht ("Asesino"), ein Brand bricht aus, die Menschen sind nun selber auf der Flucht. Von einem anderen Feuer postet der Brandstifter die lodernden Flammen. Eine Fliegerbombe wird ent­schärft ("Sondererlaubnis"). In "Marriott. Notstrom" läuft der "Kongress der schwarzen Frauen", doch ist "vor / dem Marriott auf der Verkehrsinsel das / Camp der Weißen Gerechten. Gewehre".
Dabei pflegt die 1953 geborene Autorin keinen Alarm-Stil des Ausrufezeichens. Das "Bangemachen gilt / bald brennen wir auch drängt Rauch / durch Kamine" in "Der große Brand" kommt fast nebenbei daher. Ursula Maria Wartmann schreibt in ihrem ersten Lyrikband, der Prosa-Er­fahrung erkennen lässt, eher zeilensprin­gend zupackend.  Es handelt sich weniger um Spektakuläres als um Zeichenhaftes und das innere Erleben.
Apokalyptisch geht es in "Dammbruch" zu, dystopisch in "Mutter Erde". Die dro­hende persönliche Offenbarung in Krank­heit und Tod ("Zuletzt sind wir alle im Licht") wird wiederholt thematisiert. Aber auch unbeschwerte Verse wie "Natürlich ist das Glück" ziehen sich durch diesen Band. Dazu Beziehungsbeobachtungen sowie See- und speziell Strandstücke.

 

Ursula Maria Wartmann: Gegen acht im Park. Gedichte. edition offenes feld. Norderstedt 2020. € 18,50.

 

24. Februar 2022

 

Rezension

von Rolf Birkholz

für "Am Erker - Zeitschrift für Literatur" Nr. 80 Daedalus Verlag

zu: Ursula Maria Wartmann: Gegen acht im Park

Eher idyllische, wenngleich von harter Ar­beit zeugende Landschaftsbilder des nie­derländischen Genre-Malers Willem Pie­terszoon Buytewech (1591-1624) illustrieren dieses angenehm gestaltete Buch. Doch dessen Titel inmitten eines dieser Bilder auf dem Cover könnte auf die falsche Fährte führen. Denn das Titelgedicht "Gegen acht im Park" handelt vom Aufbe­gehren einer Dreizehnjährigen ("ihre Wut wächst so mächtig wie / all die Wut der vielen"). So sind auch die Gedichte die­ses Bandes literarisch gut verpackt. Le­send öffnen sich die meisten leicht, wenn auch bei einigen ein Bändchen zu lösen ist. Ein packendes Debüt."


Ja, Ihr Lieben! Da gibt es nur eins: Kaufen, kaufen. Kaufen!!!






20. Februar 2022

 

Vor fast einem Jahr für die edition offenes feld ein paar Gedichte eingelesen.

Et voilà:

 

https://www.youtube.com/watch?v=iUjF1vtzVIo



16. Februar 2022

 

 

Natürlich ist es Glück

 

 

Natürlich ist es Glück. Im Haar

der Kranz aus blauen Blumen den

heiterste Nachtträume webten

von Norden das Summen der

Kirchglocken gegen Fensterglas.

Im Hof unten knospen die

Christrosen unterm Laub. Aus

dem Himmel fällt Winterwärme

fällt ins Haar auf die Schläfen erfüllt

das Erwachen mit Kosen

mit Kitzeln. Mit Licht.

 

 

 

Ursula Maria Wartmann:Gegen acht im Park, edition offenes feld 2021

Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung. 18,50 Euro. Zu beziehen über den Buchandel oder übers Internet.

 

 

Müde ist sie und dunkel

 

Das Leder der Sohlen

knarzt auf dem Marmor

zeichnet die Sonne Kringel auch

ins Gesicht der Trauernden die

den Prinzen beklagen. Klagegesang

nach Noten von Benjamin Britten

Ballett der Klänge die unterm

Gewölbe sich ballen wie Wolken, ja!

jeder der an mich glaubt wird leben

auch

wenn er gestorben ist.

 

Kleines Gähnen im Holzgestühl

hinter gespreizten Fingern das

feuchte Grauen des Lebens Enkelkinder

stumm hinter Masken unter den

Fahnen alles vertreten was Rang hat und

Namen: Missbrauch Rassismus Ehebruch.

 

Die alte Monarchin in Schwarz gebeugt

in Hut und Maske der Nacken gesenkt

in großer Mattigkeit nicht einmal die Augen

zeigt sie heute der Welt verweigert sich diesmal

ganz schätzt die Distanz schon ab zwischen sich

dem Gefährten wer will glauben

dass sie alleine weiter will wo andere

doch warten.

Müde ist sie und dunkel.

Umarmt den Gedanken ans Sterben

vielleicht. 

 

 

Philip Duke of Edinburgh wurde in der St. George's Chapel in Windsor begraben. Fotos aus der Doppelkirche Schwarzrheindorf in Bonn.




6. Februar 2022

 

 

Zwei Frauen ...

 

... und ein lyrisches Projekt.

Die Vorbereitungen laufen für die "Spiegelgedichte".

 

Ende April im Blauen Salon im Schulte-Witten-Haus in

Dortmund-Dorstfeld.

 

Seid gespannt. Mehr demnächst.

 


 

 


4. Februar 2022

 

Stromern durchs Winterlicht ...

 

heute war es ein bisschen trüb, manchmal regerisch. Ein unbekanntes Ziel kann definitiv die Stimmung heben, also haben wir uns dann doch auf die Socken gemacht. Mengede war das Ziel. Wir waren noch nie wirklich da, außer bei kulturellen Veranstaltungen in der sensationell schönen Zeche Hansemann. Und einmal sind wir im Mengeder Stadtgarten durch den Lockdown gelatscht. War auch schön damals. Also: nix wie hin!

 

In Mengede leben an die 40 000 Menschen; hier, im Dortmunder Nordwesten, ist es vielfach malerisch und ruhig. Zahlreiche großbürgerliche Villen gibt es hier, schnuckelige Fachwerkensembles und Zechensiedlungen - eine großartige und überaus typische Mischung von Ruhrgebietskultur, gleich zwei Buchhandlungen im Ortskern inbegriffen.

 

Ganze acht Stadtteile gehören noch zu Dortmund-Mengede, der Einfluss des nahen Münsterlandes ist deutlich zu spüren. Große Flächen werden land- und forstwirtschaftlich genutzt, oder sind als Naturschutz- und Naherholungsgebiete ausgewiesen. Das ganze Sorglos-Paket ist gerade mal zehn Kilometer von der City entfernt ... Nahverkehr klappt auch. Die Fotos zeigen das alte Ortsbild rund um die evangelische Remigius-Kirche .

Und dann ist da noch, siehe weiter unten, dieses uralte Fachwerkwerkhaus ...

... dem Verfall, dem System, der Zeit ...

PREISGEGEBEN!

Was für eine Geschichte!  In Mengede. Gleich nebenan.



30. Januar 2022

 

 

 

All die Triumphe

 

Das Weltenherz pumpt Kälte

in die Nacht Kristallverwehung

an den Simsen der Brücken

zittert Eis unter dem Brüllen

der Güterwaggons hinter der

ESSO-Zapfsäule wedelt ein

brauner Busch Pulverschnee

auf Hunger treibt das Eichhörnchen

um vielleicht drüben auf den Balkonen

des Altenheims brennt noch

die Lampe hängt tief über

dem langsamen Tod der greisen

Diva all den Fotos und Briefen und

dem Triumph ihres heißen

ihres unnachgiebigen Lebens.

 

 

 

Aus

Ursula Maria Wartmann: Am Ende der Sichtachse, edition offenes feld 2022

Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung.

Zeichnungen von Gillis van Scheyndel.

19,50 zu beziehen über den Buchandel oder übers Internet

 


 28. Januar 2022

 

At peace?

 

Liebe Leute!

Diese Perle des Journalismus  habe ich gerade per Zufall in den Tiefen meines PCs gefunden. My goodness, ist gar nicht lange her - und war doch in einer anderen Welt ...

 

 

Städtepartnerschaft

zwischen Dortmund und Leeds. Seit 50 Jahren betseht die Freundschaft nun. Einladungen und Gegenbesuche. Künster*innen auch der schreibenden Zunft waren dabei. Noch war Corona  kein Thema. Nur ein paar Monate später war die Welt eine andere ...

 

Ein kleines, feines Abenteuer im späten Herbst 2019 wartete auch auf mich; ich freute mich und war gespannt. Ich war als Schriftstellerin zu Gast; auf dem Programm standen Lesungen, Diskussionen, das Begleiten von Uni-Workshops ... Nach der ersten Nacht sah ich aus dem achten Stock des IBIS im Morgendunst die Skyline von Leeds: Baukräne und Wolkenkratzer und zu einem kleinen Teil links hinten ein Stück des „Queens“, eines traditionsreichen Hotels. Ich hatte das pittoreske Zentrum gestern nach der Ankunft noch kurz vor Einbruch der Dunkelheit durchstreift – nur einen kleinen Teil – und war schon begeistert gewesen von der Pracht der alten Bauten, den bunten zweistöckigen Bussen und dem quirligen Leben.

 

Ham and eggs, baked beans – ein englisches Frühstück war ich mir am ersten Morgen schuldig. Ich machte mit dem Smartphone ein Foto davon, obwohl ich mich albern dabei fühlte; ich würde es später dennoch verschicken. Ich beobachtete einen Jungen, höchstens fünfzehn, der auf den Wangen schwarze Tattoos trug. Ein Maori vielleicht, hatte ich überlegt; ich wusste nicht, welche Menschen hier zuwanderten. Auch gestern in der Stadt schienen mir alle möglichen Ethnien vertreten zu sein, die ich zum Teil nicht einordnen konnte. Beim abendlichen Streifzug war ich in einer fish & chips-Bude gelandet und hatte mit dem freundlichen jungen Mann gesprochen, seine Stadt gelobt, was ein Lächeln in sein Gesicht zauberte, und wie eine alte Lehrerin den Zeigefinger gehoben: „I hope you are at peace with each other?!“

Ich war mir nicht sicher, ob mein Englisch korrekt war. Der junge Mann sah hoch; meine Frage schien ihn zu erstaunen. „Of course“, meinte er, während sein Lächeln sich in der glatten braunen Haut der Wangen vertiefte. „Of course, no problem.“ Er hatte ein paar Pommes frites auf den Teller geschaufelt und sorgfältig ein Stück frittierten Fisch daraufgelegt. „Garlic?“ Ich nickte, obwohl ich nicht wusste, was Garlic war; es war eine klare Knoblauchsauce, die er aus einer Plastikflasche großzügig über dem Fisch verteilte.

 

Ich holte mir eine Orange vom Frühstücksbuffet und einen frischen Kaffee; der Junge mit den Tattoos wuselte gerade hinter einer hochgewachsenen muskulösen Blonden in einem Etuikleid her und wischte beflissen noch einmal über die spiegelblanke Tischplatte, bevor sie sich mit einem Nicken setzte.

 

Im Flugzeug war ich an meinem Fensterplatz eingenickt und erst beim Landeanflug aufgewacht. Als Schülerin, mit vierzehn, war ich einmal in Nordengland gewesen, aber ich erinnerte mich nach all den Jahren an kaum etwas. Nicht an dieses noch im Herbst satte Grün der Wiesen, die sich wie ein riesiges Puzzle ineinander verschränkten, nicht an die niedrigen Mauern aus Bruchsteinen, nicht an die zahllosen Schafe, die sich gemächlich rupfend vorwärtsbewegten. Und dann war da etwas gewesen, was mich kurz irritierte. Der Verkehr, natürlich. Auf der Insel fuhr man links.

 

„Peter“, hatte ich gestern zu Peter gesagt. „Was macht ihr nur, ihr fahrt ja alle auf der falschen Seite?!“ Peter Spafford hatte mich am Bahnhof Leeds-Bradford abgeholt, er war mein Kontaktmann in England, ein paar Jahre jünger als ich, knapp über sechzig, Schriftsteller, Radiomacher. Musiker auch. Ich hatte während der zahlreichen Mails gedacht, dass wir uns schon irgendwie verstehen würden, und als ich gestern Nachmittag aus dem Flughafen kam – Leeds-Bradford ist überschaubar und nicht so riesenhaft wie Düsseldorf – trafen sich unsere Blicke sofort. Wir zeigten mit theatralisch gerecktem Zeigefinger so synchron aufeinander, als hätten wir dafür eine Regieanweisung gekriegt. Peter, schmal und nicht sehr groß, wuchtete gekonnt meinen Koffer in den Skoda und machte den kleinen Witz, den er wahrscheinlich mit allen vom Festland machte. „Let’s go“, eine einladende Handbewegung und – schwupp! – natürlich war ich zur rechten Autotür gegangen, von wo er mich mit milder Geste zur Seite schob.

„My side, dear ...“

 

Jetzt, während ich einen Muffin zerteilte und mir ein Schokostückchen auf der Zunge zergehen ließ, dachte ich an unser Gespräch auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Leeds. Es war verrückt, welche Themen wir in die knapp dreißig Minuten gepackt hatten.

Peter hatte die Toleranz in seiner multikulturellen Stadt gelobt, erzählt, wie gerne er ein Teil von Leeds sei, und dann hatte er von Europa gesprochen, die Kappe geradegerückt und hinterm Steuer die Augen zusammengekniffen. „Best idea we ever had“, sagte er und trat aufs Gaspedal, und natürlich waren wir dann beim Thema Brexit gelandet, was das ganze Land spalte. Der Riss, erzählte Peter, gehe durch Familien, zerstöre Freundschaften, spalte Gruppen. „It’s horrible!"

 

Ich berichtete aus Deutschland. Vom Erstarken der Rechten. Dass es auch hier einen Riss gebe, der viel Gewachsenes, Althergebrachtes zerstöre: Strukturen, Systeme, Gefühle zwischen den Menschen.

„What“, hatte ich gefragt und Peter freundschaftlich auf den Unterarm geklopft, „what do you think about German Nazis?“

„German Nazis“, sagte Peter, er riss das Steuer nach rechts, als ein LKW vorbei donnerte, und sah mich kurz an. Er verzog das Gesicht. „Das reißt bei uns die Familien auseinander“ sagte ich.  „Freundschaften, Paare. You know what I mean. Dieses Thema hat auch unsere Generation von Anfang an belastet.“

 

Der Frühstücksraum war jetzt sehr voll geworden; ich nutzte die eine entscheidende Sekunde für einen kleinen Sprint, um mir an der blinkenden Maschine einen neuen Latte Macchiato zu holen. Am Nebentisch hatten vier Männer Platz genommen. „Zombie Killing Shirt“ stand auf dem Shirt, das sich über dem mächtigen Bauch eines Mittvierzigers spannte; er war bleich und frisch rasiert, und seine massigen Oberarme steckten in rot gesprenkelter Haut wie in einem straff gespannten Strumpf. Die fantastischen Vier schaufelten baked beans und dunkel gebratene kleine Würstchen in sich hinein; ab und zu ein Grunzen, das Wischen behaarter Handrücken über glänzende Lippen. Waren Brexit-Ja-Sager eigentlich oft Rechte?

 

Peter würde es wissen; er schien eine Menge zu wissen, auch wenn er immer wieder diesen kapitalen Fehler machte: Egal, was man sagte, er fuhr auf der falschen Straßenseite. In seinem Skoda bin ich immer wieder tausend Tode gestorben, aber ich hatte nichts gesagt, hatte stattdessen die Landschaft bewundert, die verspielte Architektur der viktorianischen Straßenzüge, die wie in einem Märchenfilm vorüber flogen. „How cude, that’s so very british“, hatte ich ausgerufen, einmal, zweimal ..., und war mir dabei ein kleines bisschen, nun ja, bescheuert vorgekommen. Natürlich, mein Englisch trug mich einigermaßen bequem durch den Alltag, aber wenn es um mehr ging, um Standpunkte, Emotionen, musste ich passen. Ich dachte daran, wie Geflüchtete sich fühlen mussten – hochqualifizierte Frauen und Männer oft, denen es schlicht nicht möglich war, sich über Sprache als die Individuen darzustellen, die sie waren: gebildet, intelligent, eloquent und vielleicht trotz allem noch voller Humor und voller Menschenfreundlichkeit.

 

Gerade zog das „Zombie Killing Shirt“ an meinem Tisch vorbei; am Buffet war eine nächste Ladung Würstchen aufgefahren worden. Gestern im Auto hatte Peter erzählt, dass der Bruder seines Vaters 21-jährig im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Sein Vater, hatte Peter gesagt, die Knöchel weiß am Steuer des klapprigen Skoda, hätte nie! … Niemals hätte sein Vater auch nur einziges Wort mit einem Deutschen gesprochen. Never! Nicht eins! Kein einziges fucking word!

 

Was will man da sagen. Mir hatten die Augen gebrannt und ich hatte genickt. Mir selbst bricht es fast das Herz, wenn ich Fotos der alten ehrwürdigen Reichs- und Hansestadt Dortmund sehe, von der nichts übrigblieb, nachdem die Briten sie ab 1943 in Schutt und Asche legten; Feuer, die lodernd durch die Straßen rasten, es kein Löschwasser gab nach dem Bombardement der Talsperre an der Möhne. Im März 1945 der letzte Großangriff auf das geschundene Dortmund: Er gilt als einer der schwersten, die je auf eine deutsche Stadt geflogen wurden.

 

Und so saßen wir zwei Hübschen in Peters Skoda, beide betagt schon; und dennoch Kinder der Opfer und dennoch Kinder der Täter. Stumm einen langen Moment – kaum hätte ich auf Deutsch beschreiben können, was mich gerade bewegte –, bis Peter mich ansah und diesmal mir auf den Unterarm klopfte. 

Lucky, sagte Peter. Lucky that we have europe. Ein Glück, dass wir Europa haben.

 

 

(c) Ursula Maria Wartmann 2019

Mehr Fotos zu Leeds und Hull unter "Das war 2019 - Oktober"

Mehr zu lesen unter "Textproben: Regen zwischen Hull und Leeds"



Schloss Bodelschwingh tief im Westen: einer von 18 Adelssitzen in Dortmund, repräsentatives Wasserschloss, das im 16. und 17. Jahrhundert im Stil der Renaissance ausgebaut wurde. Über Stock und Stein ging es, durch Feld und Wald. Dortmund eben!

23. Januar 2022

 

Wanderung im Winterlicht




12. Januar 2022

 

Das Ende der Sichtachse

 

Das Ende der Sichtachse ist

mit dem schwarzen Edding

markiert: da verlor

das Haus sein Gesicht.

 

Der Sprengmeister trank am Abend

den besten Brandy der Stadt in

der Kleidung den Staub noch den

Angstschweiß unter den Achseln.

 

Böller und Dosenbier bunte

Sterne am Himmel Applaus

als der Koloss in die eigene

in die blitzhelle Tiefe rauschte.

Bombastisch der Staub

an diesem Tag

am Ende

der Reeperbahn.

 

Wer außer mir hat geweint, der alte Wirt

aus dem Felsenkeller, Antonio aus der

Seilerstraße mit der besten Pizza der Welt?

Wir wussten nur von uns.

 

Am nächsten Tag Schlagzeilen. Fotostrecken.

Danach das Räumen, die Pläne für später

die Sichtachse am Ende.

Markiert.

 

Aus:Ursula Maria Wartmann Am Ende der Sichtachse, edition offenes feld 2022, Hardcover mit Schutzumschlag und Fadenheftung


1. Januar 2022

 

Der Rhein  -  Jahreswechsel in Linz direkt am Fluss.

Viel Lichterglanz und weihnachtlicher Schmuck an den Häusern, verspielte Details an den uralten Fachwerkfassaden. Von morgens bis Mitternacht die Fähre, die brummend und tuckernd ans andere Rheinufer wechselt - her und wieder hin, hin und wieder her.

Vom frühen Morgen bis Mitternacht befördert sie Menschen und ihre Fahrzeuge ans andere Rheinufer, auch nach Ahrweiler und Bad Neuenahr, dorthin, wo die große Flut im letzten Jahr so verheerende Schäden anrichtete und viele Menschen mit in den Tod riss. Das Katastrophengebiet liegt nur wenige Kilometer von hier an der Ahr. Auch der Pegel des Rhein steigt dieser Tage weiter. Die Parkplätze am Ufer sind samt und sonders geräumt.

Europas Flussriese ist vieles: wildromantisch und gefährlich, sagenumwoben und wild, gesäumt von Burgen und Ruinen, kleinen Orten und großen Städten und Weinbergen mit berühmten Lagen. 

An jeder Ecke gibt es Geschichte und Geschichten. In Unkel gleich nebenan lebte lange Jahre Willy Brandt. Eine kleine Weile Konrad Adenauer. Und Günter Wallraff hat hier sein Refugium gefunden - den Fronhof, 1057 erbaut und zum damaligen Kloster Maria ad Gradus gehörig - direkt an der Rheinuferpromenade.