Portrait
Peter Kreiner, Rechtsanwalt und Notar
Nahid Farshi, Informatikerin und Projektmanagerin
Essay
Heimat: Alles passt!
Reportage
Regen zwischen Hull und Leeds
Niny Gygax - Chefin der JVA Dortmund
WAS WÄRE, WENN WIR’S EINFACH MACHEN?
Nina Gygax leitet die JVA Dortmund
Von Ursula Maria Wartmann
Sie kommt aus Hamm. Sie ist Sternzeichen Widder. Und was die Astrologie so einem Widder attestiert, kann sie blind unterschreiben. Ehrgeizig, mutig, entschlossen – so ist sie, und das glaubt man ihr aufs Wort. Und genau das hat sie nach dem Jura-Studium in Münster auf der Karriereleiter nach oben katapultiert.
Die 43jährige Nina Gygax ist Leiterin der Justizvollzugsanstalt, JVA, in Dortmund; vor zwei Jahren hat sie ihren Vorgänger abgelöst. Der ging in Rente, und Nina Gygax kam, brachte sich ein, mutig und entschlossen, und brachte frischen Wind gleich mit. Poetry Slam und Podiumsdiskussion. Konzerte und Väter-Kinder-Treffen … Hinter den Mauern an der Lübecker Straße versucht man, die Dinge nicht nur gut, sondern hier und da auch noch etwas besser zu machen.
404 Haftplätze gibt es in der JVA, 370 waren, so Gygax, in 2025 im Schnitt belegt. Etwa die Hälfte der Männer sitzt in U-Haft, die andere Hälfte verbüßt eine Freiheitsstrafe. Wo Inhaftierte in Gemeinschaftsräumen untergebracht würden, müsse man immer auch gucken, dass sie zusammenpassten, es keine Probleme gebe etwa aus ethnischen oder religiösen Gründen. „Die Abteilungskollegen beobachten das genau, und wenn es Probleme gibt, gibt es kein Zögern, da muss eine schnelle Verlegung erfolgen.“ Psychologischer Dienst, Sozialdienst und Seelsorge arbeiten hier Hand in Hand.
Nina Gygax wollte eigentlich Psychologie studieren. Beim Arbeitsamt erstellte ein Computer ein Profil nach ihren Angaben und Wünschen. Das Ergebnis: Sie war die Paradebesetzung für eine evangelische Pastorin. Oder eben für eine Juristin. Sie lacht: „Das war, wie soll ich das nennen, Intuition vielleicht. Ganz plötzlich war ich ganz sicher. Ich würde Jura studieren.“ Gesagt, getan; Examen Uni Münster, Referendariat am Landgericht. Erfahrungen sammeln u.a. in der JVA Bochum, Castrop-Rauxel und als Referentin im Ministerium der Justiz. Zuletzt, vor Dortmund, war sie Vertreterin der Anstaltsleitung der JVA Werl.
Allgegenwärtig sei der Drogenhintergrund in der JVA, sagt die Chefin. Delikte, die damit einhergingen. Beschaffungskriminalität. Raub, Diebstahl. Körperverletzung. Bei Tötungsdelikten im Beziehungsbereich sei das häufig anders: Die Täter seien selten aus dem „kriminellen Milieu“.
Seit zwei Jahren ist sie jetzt in Dortmund. Eine Stunde braucht sie mit dem Auto in die Lübecker Straße, wo die Tage mit der Frühbesprechung beginnen: Acht Leute kümmern sich um Fragen wie: Was war gestern, was steht heute an? Krankenstand. Baumaßnahmen. Eventuelle Probleme mit den Inhaftierten. „Wir haben hier viel mit menschlichem Leid zu tun“, sagt Gygax. Man müsse immer fragen, wie man dem Arbeitsauftrag nachkommen könne, der letztlich Resozialisierung heiße. „An vielen Stellen herrscht großer Druck“, so Gygax weiter, „es darf einfach nichts schiefgehen. Niemand soll bei Streitigkeiten verletzt werden. Niemand soll über das Dach abhauen, niemand soll mit psychischen Problemen alleine bleiben …“ Oft werde über die Tücken des Alltags gelacht in den frühen Stunden, wenn die frühen Vögel diskutieren und organisieren: „Lachen nimmt da oft den Druck erstmal raus.“
Kein Tag ist im Knast wie der andere, einen „Mustertag“ gebe es nicht. Aber feste Größen gibt es. Vollzugskonferenzen für die einzelnen Abteilungen sind eine feste wöchentliche Größe, wo man vom Führungspersonal bis zu den Fachdiensten miteinander im Austausch ist. Vollzugspläne erstellen, Termine beim Sozialdienst machen. Anträge der Gefangenen auf offenen Vollzug beraten, über die Teilnahme an einem Deutschkurs oder den Wunsch, eine Ausbildung zu machen. Da wird an die JVA Geldern oder Bochum-Langendreer verwiesen: „Das sind die Kernausbildungsanstalten in NRW. Bei uns ist das nicht möglich, allerdings bieten wir arbeitstherapeutische Maßnahmen im Bereich Holz an. Möglich ist auch eine sogenannte Qualifikationsmaßnahme zur Kochausbildung. „Das sind die Köche in der Kantinenküche. Ich esse da gern, das Essen ist gut, und es ist schön zu beobachten, wie unsere Insassen im Lauf der Zeit immer sicherer werden.“
Gygax liebt den direkten Kontakt zu den Gefangenen. Sie freut sich über neue Projekte; beim Gespräch über „A Better Place – Eine Welt ohne Gefängnis?“ kommt sie ins Schwärmen. Studierende der FH und Inhaftierte hatten sich zusammen die ARD-Miniserie „A Better Place“ angesehen, die schließlich in eine öffentliche Podiumsdiskussion mündete, unter anderem mit Gregor Lange, bis vor kurzem Dortmunds Polizeipräsident, oder Prof. Dr. Christine Graebsch von der FH. Hausintern war da im Vorfeld schon manches Gespräch gelaufen. „Alle haben sehr viel von sich preisgegeben, alle haben zugehört und sich mit den Bedürfnissen einzelner auseinandergesetzt. Das fand ich wirklich gut.“
Solche Projekte können das ganze Klima positiv beeinflussen, immer und überall. „Und wenn man den Leuten auch nur einmal anständig und verlässlich entgegentritt, ist der Kontakt gleich viel besser.“
Ihr Credo lautet: „Nicht immer erstmal Nein sagen, nicht immer so restriktiv denken. Sondern fragen: Was wäre, wenn wir’s einfach machen?!“ Zum Beispiel ein Konzert veranstalten, einen Poetry Slam. Angehörige dazu einladen: „Da sieht die Ehefrau mal, dass der auch noch was anderes kann als kriminell sein. Der kann texten, der hat Ideen. Und sie kann stolz auf ihn sein.“
Wenn man sich engagiert, findet Gygax, könne man immer auch menschlich was erreichen, und das ist für die Frau, die damals Psychologie studieren wollte, ein erklärtes Ziel. Es mache doch Sinn, sich zu kümmern. Sie hat die Organisationshoheit in der JVA, sie entscheidet letztlich, was geschieht, und sie stellt Fragen. Was wäre, wenn wir die Besuchsregelungen anpassen. Besuchstermine weniger restriktiv handhaben. Gruppenmaßnahmen ausweiten: Mehr Kontakte. Besuche. Einzelbesuche auch, ja. Aber auch mehr Gruppen – für inhaftierte Väter und ihre Kinder zum Beispiel. Für Eltern von Inhaftierten. Etwas organisieren in diesen Besuchszeiten. Kaffee, Kuchen. Gespräche. Was noch?
Auch in der Frage von Ersatzfreiheitsstrafen ist sie klar positioniert, zum Beispiel für Menschen, die in Bus und Bahn aus Geldmangel chronisch schwarzfahren und die Geldstrafen nicht zahlen können. „Die Grundannahme einer Geldstrafe“, sagt sie, „ist ja nun, dass die Menschen nicht inhaftiert werden, sondern zahlen sollen. Das Geld haben die meisten aber nicht, sonst könnten sie sich ja auch den Fahrschein leisten.“ Allerdings brauche der Rechtsstaat eine Absicherung der Geldstrafe, das könne man nicht weg reden; diese tageweise abzusitzen, sei aber nicht die Lösung. „Es gibt Städte“, erläutert sie, „wo fürs Schwarzfahren keine Strafanzeige mehr erstattet wird. Würde in Dortmund die DSW21 darauf verzichten, würde sich niemand mehr mit dem Thema Ersatzfreiheitsstrafe für Schwarzfahren beschäftigen.“ Bis dahin gelte das Gebot der Haftverkürzung. Und dann gebe es ja den „Freiheitsfonds“. Diese Initiative hat jede Menge Geld gesammelt, will Schwarzfahren aus finanzieller Not entkriminalisieren und zahlt ausstehende Geldstrafen an die Staatskasse, um die Gefangenen freizukaufen, was wiederum den Staat jede Menge Geld spart. (Bezahlt wurden seit Dezember 2021 nach Angaben auf der Webseite freiheitsfonds.de: 1.349.919,63 Euro). „Im Moment jedenfalls“, sagt Nina Gygax, „wüsste ich gar nicht, dass wir von den Schwarzfahrern jemanden inhaftiert haben, der ausschließlich schwarzgefahren ist.“
Wälder. Wandern. Schweden mit Kind und Kegel im Wohnmobil. Das sind die Gygax- Strategien gegen Stress. „Letzten Sommer“, verrät sie begeistert, „habe ich das erste Mal im Leben Rentiere gesehen. Da steigen wir aus dem Auto – ja, und dann stehen die da direkt neben uns einfach in der Landschaft rum. Das hat mich ehrlich glücklich gemacht.“
Und Freundschaften sind ihr wichtig. Zwanzig Jahre hat sie Volleyball gespielt und trifft die Teamkolleginnen von damals immer noch. Und Yoga! Yoga ist ihr auch wichtig. Das entspannt. Ansonsten, sie grinst ein bisschen: „Atmen! Den Stress einfach weg atmen.“