Der Mann am Pool

Text entnommen aus "Midlife Blues"

 

Sie stand an der Gartenpforte des grün gestrichenen Hauses, von dem die Farbe schon seit langem abzublättern schien. Das Haus sah verwahrlost aus, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich dahinter wirklich ein Swimmingpool befand. Sie war erhitzt vom Fahrradfahren, der Juni war heiß in diesem Jahr, und das Trinkwasser begann schon knapp zu werden. Unten an der Straße hatte sie kurz an einem Kiosk angehalten. Sie hatte eine eiskalte Cola getrunken und sich anschließend gekämmt und die bunten Spangen aus Strass neu geordnet, mit denen sie neuerdings das Haar an  den Schläfen hochsteckte. Sie war fünfzehn, und sie war stolz auf ihr  Haar. Sie klingelte noch einmal, aber hinter der Tür regte sich nichts.

Sie  hatten drei Uhr ausgemacht. Lisa kannte diese Gegend nicht, sie hatte keinen besonders guten Orientierungssinn. Sie hatte sich natürlich verfahren, und jetzt war sie fast zwanzig Minuten zu spät. Das Haus lag wie ausgestorben da, und Lisa war sich nicht sicher, ob ihr Gefühl nicht so etwas wie Erleichterung war. Wenn sie ganz ehrlich sein sollte, interessierte Barbara sie nur wenig. Ihre Mitschülerin war ein schweres blondes Mädchen mit ungepflegtem, strähnigem Haar und von einer melancholischen Trägheit, die sich schnell auf ihre Umgebung übertrug. Sie hatte abgebissene Fingernägel. Lisas  Eltern hätten ihr wahrscheinlich von dem Kontakt abgeraten: „Meinst du wirklich, dass das ein Umgang für dich ist?“

Barbara hatte neulich erzählt, dass ihre Eltern einen Swimmingpool hinter dem Haus hätten, das heißt, ihr Vater. Ihre Eltern waren geschieden, und ihre Mutter hatte jeden Kontakt zu der Familie abgebrochen. Vor zwei Tagen hatte Barbara  Lisa  in der Schule angesprochen: „Hättest du Lust, nachmittags mal zu uns zu kommen? Wir haben ein Schwimmbad hinter dem Haus!“

Lisa war überrascht gewesen, aber sie hatte sich nichts anmerken lassen.

„Ja, gut“, hatte sie nach kurzem Zögern gesagt. „Klar, ich komme. Und wann?“

 

Die Gartenpforte war nur angelehnt. Sie stieß sie auf, lehnte ihr Rad gegen die Hauswand und strich sich das Haar zurück. Eine  Katze blickte reglos zu ihr herüber und war Sekunden später im hohen Gras verschwunden. Der Rasen des Vorgartens hätte dringend einmal gemäht werden müssen.

„Sie ist noch nicht da!“, sagte der Mann.

Er füllte in schwarzen Hosen und einem Unterhemd den Türrahmen zwischen der abblätternden Farbe aus und wippte auf den Fersen, als wolle er sein Gleichgewicht überprüfen.

„Kannst reinkommen, warten“, sagte er und zog sie an der Schulter in den schmalen Flur. Mit einem Krachen warf er die Haustür zu und begann zu fluchen. Lisa sah, dass er sich in dem schmiedeeisernen Gitter verfangen hatte, das innen vor der Milchglasscheibe verschraubt war. Statt einer Hand hatte er eine Art Eisenhaken am Armstumpf befestigt, mit einem Lederband, glaubte Lisa zu erkennen, und jetzt endlich hatte er nach einer wütenden Drehbewegung den Arm wieder frei. Der Haken schrammte knirschend über das staubige Eisengitter, aus dem eine tote Fliege zu Boden fiel. Sie zerbröselte auf den Fliesen, als der Mann sie zertrat.

Wortlos schob er sich an Lisa vorbei, die sich flach gegen die Garderobe drückte. Ein Wust weicher Kleidung im Rücken,  so dass ihr sofort der Schweiß ausbrach. Vor ihrem Gesicht erschien für Sekunden ein Ärmel, ein Wintermantel, Fischgrätmuster, schaler Wollgeruch, die flüchtige Erinnerung an Schneeflocken, die grau und hastig im überheizten Klassenzimmer schmolzen. Lisa schob den Ärmel zur Seite und folgte dem Mann, der im Wohnzimmer Platz genommen hatte. Vor ihm stand eine Dose Bier. Im Fernseher ein Western. „Bis Mitternacht muss er die Stadt verlassen“, sagte eine helle Frauenstimme. „Sonst bist du mich auch los.“

 

„Wo ist sie denn?“, fragte Lisa und starrte fasziniert  auf den Arm mit dem Eisenhaken, den der Mann schwer und wie endgültig auf ein besticktes Sofakissen geworfen hatte, genau auf die pompöse Blüte einer Sonnenblume. „Sie wollte doch um drei Uhr hier sein!“

„Sie ist einkaufen“, sagte der Mann. „Irgendjemand muss es ja tun!“

Er grinste und nahm einen Schluck aus der Dose.

„Setz dich. Irgendwann wird sie schon kommen. Um acht machen die Läden dicht“, sagte der Mann.

Er rückte die mageren Schenkel zurecht, breitbeinig, und blähte seinen Bauch. Auf, ab, auf, ab.

„Zuviel Bier“, sagte er selbstgefällig und verschränkte die Arme über dem Bauch. Er lag jetzt fast auf dem Sofa, und Lisa wunderte sich, dass er nicht unter den Couchtisch rutschte. Dann schraubte er sich mit einer gelenkigen Bewegung hoch und winkte sie zum Fenster, das hinaus zum Garten führte. Tatsächlich, ein Swimmingpool, nicht sehr groß, nicht  besonders sauber.

Aber immerhin!

„Da wollt ihr rein, he?“, sagte der Mann. Er verzog den Mund, kniff die Augen zusammen und angelte mit dem Eisenhaken nach der Schnur einer hellblauen Jalousie. Der verschmutzte Plastikknopf klirrte gegen die Fensterscheibe und pendelte zwischen staubigen Blumen und einem Fensterbild aus Papier, das sie einmal  im Kunstunterricht gebastelt hatten.

„Miststück!“, sagte der Mann. „Verfluchtes ... Jetzt!“

Er riss die Jalousie nach unten. Lisa bemerkte im Dämmerlicht ein beleuchtetes Aquarium, das in der Ecke neben einem Cocktailsessel stand.

Der Mann trat einen Schritt zurück und musterte das Fenster.

„Scheißhitze“, sagte der Mann. „Eine Scheißhitze  ist das in diesem Jahr. Da kann man ja gleich nach Afrika auswandern.“

Er atmete schnell und ging steifbeinig zum Sofa zurück.

„Setz dich endlich“, brüllte er dann und zeigte auf den Sessel, der ihm genau gegenüber stand. „Oder willst du da anwachsen!“

Er warf den Arm mit dem Eisenhaken zurück auf die Sonnenblume, rülpste und rückte die Schenkel zurecht.

„Die Posten stehen, Mann!“ sagte jemand im Fernsehen. „Bei Gott, ich schwöre, hier kommt keiner mehr durch.“

 

„So, so, schwimmen wollt ihr also!“

Der Mann lehnte sich zurück und begann, mit der rechten Hand an den Fransen des Sofakissens zu spielen. Lisa hatte sich gesetzt, die langen Haare hatte sie nach hinten gestrichen, und sie bemühte sich, nicht zu ihm hinüberzublicken.

„Noch ein Bier“, murmelte der Mann und stand unbeholfen aus seinem Sessel auf.

Lisa spürte eine Hand auf ihrem Kopf.

„Schöne Haare hast du“, sagte der Mann.

Er kam aus der Küche zurück. Von seiner Dose Bier perlten Tropfen und glitzerten in der krausen dunklen Behaarung seines rechten Handgelenks.

„Und wo ist dein Badezeug?“, fragte der Mann. Er stand vor ihr, klemmte die Dose Bier unter die linke Achsel, und seine Augen weiteten sich unter der plötzlichen Kälte. Mit der rechten Hand zog er den Gürtel seiner Hose hoch.

„Ich hab’s drunter“, sagte Lisa hastig. „Aber die anderen Sachen, die sind noch im Fahrradkorb. Ich geh’ mal raus, glaub’ ich, sie holen ...“

Sie stand auf und schob sich an dem Mann vorbei, der leise lachte.

„Na los, dann  geh’s mal holen, dein Zeug“, sagte er spöttisch.

 

Als Lisa vor das Haus in die Sonne trat, beschloss sie zurückzuradeln, ohne auf Barbara zu warten. Sie warf einen verstohlenen Blick zurück zum Haus, die Tür war noch angelehnt, er würde jeden Moment wieder heraustreten können. Sie schüttelte sich, klappte den Fahrradständer nach oben und nahm den Lenker von der Hauswand. Morgen würde sie Barbara alles erklären.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Herzstolpern, Schwindel, und dann kam die Wut. Sie drehte sich um, mit einer schnellen Bewegung aus der Hüfte. Vor ihr stand Barbara, schwitzend, das Gesicht rot und verlegen. Sie hatte sich abgehetzt, und sie schleppte zwei bis zum Platzen gefüllte Plastiktüten in jeder Hand. Lisa sah wie ganz langsam, fast wie in Zeitlupe, eine der Tüten lautlos und zäh zu reißen begann.

„Pass auf“, sagte sie. „Deine Tüte reißt!“

Barbara stellte die Tüten ab, vorsichtig, als würde sie eine Bombe entschärfen, und rieb sich die wunden Finger.

„Er wusste, dass du kommen würdest“, flüsterte sie. „Er hat gefragt, wann. Und dann hat er mich erst mal zum Einkaufen geschickt.“

„Es ist fast vier“, sagte Lisa und bereute sofort, dass ihre Stimme anklagend klang. Barbaras blondes Haar war dunkel vor Schweiß, und unter den vollen Brüsten hatten sich feuchte Flecken ausgebreitet. Ihr T-Shirt war mit zwei Pandabären bedruckt, die sich umarmten. Lisa spürte, dass sie Mitleid empfand und, zu ihrer Überraschung, auf einmal auch Sympathie.

„Lass uns reingehen“, sagte sie. „Es ist ja noch warm genug zum Schwimmen. Und Zeit hab ich auch, ich muss erst um acht zu Hause sein.“

Barbara versuchte ein Lächeln.

„Ich weiß nicht.“

Sie sprach leise und sah sich zur Haustür um.

„Er hat seine Tour, weißt du. Er hat sich krankgemeldet, gestern schon. Sonst geht er um zwei aus dem Haus, er hat Spätschicht. Hat er schon viel getrunken?“

Keine Ahnung“, sagte Lisa. „Eigentlich macht er einen ganz klaren Eindruck. Aber ich kenne ihn ja nicht so genau ...“

 

Sie gingen in die Küche, wo Barbara die Tüten auf den Tisch stellte und zum Waschbecken lief. Sie hielt ihr Gesicht unter den Wasserhahn und trank, mit weit geöffnetem Mund, den sie nur ab und zu schloss, um anschließend heftig  nach Luft zu schnappen. Das Wasser lief ihr das Kinn hinunter und färbte das T-Shirt dunkel. Auf dem Boden bildete sich eine kleine Pfütze.

„Sauf nicht so viel“, sagte der Mann.

Er stand an den Türrahmen gelehnt, mit verschränkten Armen. Er hatte sich eine Baseball-Mütze aufgesetzt und den Schirm nach hinten gedreht.

„Tolles Wetter draußen“, sagte er. „Genau richtig, um ein paar Bahnen durchzuziehen.“

Er warf einen flüchtigen Blick in die Plastiktüten, hob sie hoch, als wolle er ihr  Gewicht abschätzen, und ließ sie zurück auf den Tisch fallen.

„Gut gemacht, Kleine“, sagte er. „Das Wechselgeld!"

Achtlos ließ er eine Handvoll Münzen in die Hosentasche fallen und wandte sich zur Tür. Er verschwand auf einer Treppe ins Obergeschoss. Lisa sah seinen schmalen drahtigen Rücken und hörte, wie er oben hin und her ging. Ein Möbelstück schrammte über den Boden. Dann hörte man das Scheppern von Flaschen.

„Er will das Schlafzimmer neu streichen“, sagte Barbara trocken. „Gestern durfte ich ihm die Farbeimer holen. Ohne Fahrrad, das ist mir vor drei Tagen geklaut worden.“

Sie lachte auf, ihr Blick verlor sich irgendwo in der Mitte der Küche.

Lisa legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Hey“, sagte sie laut. „Wenn er das Zimmer streicht, sind wir ihn erst mal los. Na los, komm jetzt! Ich habe mein Schwimmzeug schon drunter.“

 

Im Garten strich die Katze um die Beine eines gestreiften Liegestuhls. Die hölzernen Armlehnen hatten zahlreiche braune Flecken, jemand hatte beim Rauchen nicht aufgepasst.

„Hallo, Pinky“, sagte Barbara.

Sie bückte sich und lächelte zärtlich, als die Katze zu schnurren begann.

„Süß ist sie“, sagte Lisa.

„Oh“, sagte Barbara. „Das weiß sie auch.“

Sie hatte einen gelben Bikini angezogen. Sie setzte die Katze am Beckenrand ab, drehte sich lachend zu Lisa und gab ihr einen Schubs.

„Pass bloß auf“, schrie Lisa, bevor Barbara vorsichtig zu ihr ins Wasser stieg und wild mit den Armen ruderte. Lisa kraulte mit ein paar kräftigen Zügen durch das Becken, tauchte ein paar Meter, legte sich auf den Rücken und blickte sich dann nach Barbara um, die mit kleinen hastigen Stößen in ihre Richtung schwamm.

„Sie kann nur Brustschwimmen“, sagte der Mann. „Marke Schneckentempo!“

 

Er saß in dem Liegestuhl, die Beine weit von sich gestreckt, und er hatte noch immer die schwarze Hose an. Sein Gesicht war sehr rot. Seine Baseball-Mütze hatte er abgenommen und über den Schoß gelegt. Darunter hatte er seine rechte Hand vergraben. Sein linker Arm war in die hölzerne Lehne gehakt. Er sah aus als würde er genau diesen Platz nie wieder verlassen wollen.

„Lasst euch nicht stören“, sagte der Mann. Sein Gesicht war nass vor Schweiß. Er schüttelte seinen Kopf, sodass ihm aus der Stirn eine schwarze verspiegelte Sonnenbrille über die hellen Augen stürzte. Quer über sein Gesicht zogen stürmische Wolken. Ganz kurz wurde es kühl, die Sonne ein trüber Punkt inmitten des Himmels. Dann flutete mit Gewalt wieder die Hitze über sie herein.

„Auf geht’s!“, sagte der Mann.

Seine rechte Hand bewegte sich unter dem dünnen Stoff der Baseball-Mütze, als hätte er sich eine Kasperlpuppe übergestülpt.

 

„Zeigt, was ihr könnt, Mädels. Weitermachen!“