Stimmen der anderen


Jens Dirksen
Kulturchef der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

 

in seinem Vorwort zu "Midlife Blues", Erzählungen,

Neuauflage unter "Der Bourbon des Grafikers" edition offenes feld 2019

 

„Je mehr sich die täglich neu organisierte Aufregung der Massenmedien den Schrillen, Reichen und Mächtigen zuwendet, desto wertvoller werden Erzählungen wie die von Ursula Maria Wartmann. Ihr Fokus liegt auf Menschen,

wie sie im Alltag unseren Weg kreuzen. Und für die sich die Medienkarawane bei ihrem Zug durchs globale Dorf nur dann interessiert, wenn sie Babies in der Kühltruhe liegen haben oder besonders monströse Arten der Triebabfuhr.

 

Der Wartmann’sche Mikrokosmos hingegen besteht aus den Erniedrigten und Beleidigten unserer Tage, die mit sich und der Kapitulation vor dem Treiben um sie herum ringen. Selbstverständlich steckt in ihnen allen auch ein Stück von uns, sonst würden uns diese Erzählungen nicht so seltsam vertraut vorkommen, sonst würden sie nicht etwas berühren in uns. Sie sind genaue Beobachter des Alltags,

sie schildern seine kleinen, manchmal auch größeren Fallen und wie Menschen darauf zulaufen, nicht unausweichlich, aber mit guten Gründen.

Diese Prosa ergreift Partei auf eine denkbar lakonische Weise – indem sie die Wirklichkeit ohne falsche Aufregung, aber mit einer klar konturierten Perspektive in den Blick nimmt.

 

Da ist das Mädchen, das schon ahnt, wie falsch es war, die Einladung der Freundin mit dem schmierigen Vater anzunehmen, und doch nicht anders kann, weil im Mitleiden aus der bloßen Solidarität Zuneigung wird. Da ist das Milieu, da sind die Illusionen der abgerutschten Frau, die nicht wissen will, dass ihre Sucht größer ist als die Liebe zu ihrem Sohn, weil sie sonst zerbrechen würde. Oft sind es Kümmerer, denen wir da begegnen: Menschen, die sich um andere kümmern - oder solche, die dem Kummer standhalten müssen, gleichwie.

Lauter Mischungen aus Typ und Charakter jedenfalls, gezeichnet mit einer ungewöhnlich präzisen Psychologie, in der gegensätzliche Motivlagen wie Liebe und Hass, Fürsorge und Verrohung, Mitleid und Egoismus einander durchdringen, nicht fast, sondern ganz so wie im wirklichen Leben.

 

Das große Kunststück dieser Prosa aber liegt in ihrer Verknappung auf das Notwendige. Kein Satz, kein Wort ist zu viel, im Gegensatz zum Geschwätz eines Zeitalters, das vor lauter Informationen immer weniger weiß, worum es geht und warum. In Sätzen, die manchmal ein halbes Gegenwarts-Panorama abgeben:

„Die Vögel seufzten unter der Last ihres Gefieders.“

Ursula Maria Wartmann sucht nicht das besondere, sondern das treffende Wort, sie putzt den Alltag nicht auf, sondern malt ihn mit seinen ureigenen Grautönen, aber das eben ungemein vielschichtig und, aber ja doch, bunt - mit Hunderten von Nuancen und feinen Variationen, die gerade in ihrer Genauigkeit von der Sehnsucht nach dem richtigen Leben mitten im falschen erzählen.

Wie es ist, so ist es nun einmal, aus guten Gründen, die nicht selten auch schlechte sind. Aber es könnte auch ganz anders sein.

Es sollte.

Es müsste.

Das ist der humane, mit Ernst Blochs großem Wort utopische Impuls dieser Prosa. Und der eigentliche Antrieb, ihre frei erfundenen Geschichten aus dem wirklichen Leben im wirklichen Leben zu lesen.“

 


Ursula Maria Wartmann: Gegen acht im Park

Rezensionen/Verlage > Rezensionen
 
Timo Brandt
Ursula Maria Wartmann: Gegen acht im Park. Gedichte. Dortmund (Edition Offenes Feld) 2020. 68 Seiten. 18,50 Euro.
Die Kata- und die Liebesstrophen
„Die Kraniche kraulen bedächtig durch
warmen Wind im Wolkenmeer wie
eh und je: In strikter Formation. In
der Tiefe des Atlantik stöhnt der Rochen
beim Verdauen einer Scherbe Tupperware.“
     
Ursula Maria Wartmanns Gedichtband „Gegen acht im Park“ ist in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten Abschnitt geht es dann und wann etwas eskalativ, ja geradezu apokalyptisch zu, wobei die Bezüge von sehr greifbaren Ereignissen wie der Entschärfung einer Fliegerbombe und den Waldbränden in Australien bis zu allgemeineren Anbahnungen reichen – so werden etwa ein Dammbruch und ein Kraftwerksgau imaginiert; einige Gedichte konnte ich auch trotz Nachforschungen keinem konkreten Ereignis zuordnen, vielleicht wäre hier ein kleines Anmerkungsverzeichnis angebracht gewesen.
Manche der Katastrophen-Gedichte haben ein bestechendes Maß an Anschaulichkeit, allerdings gibt es auch ein-zwei Passagen, die ich etwas kritischer sehe. Teilweise, weil sie mir zu martialisch daherkommen, was die greifbare Furcht und/oder Betroffenheit, die die Gedichte heraufbeschwören, ins Ungreifbare entrückt, aber auch, weil ich manche Verquickungen nicht ganz nachvollziehen kann. So heißt es etwa in dem Australiengedicht:
„brennt ein Kontinent Australien
brennt hier oben auf den hellen Wolkenflügeln
klingt der Schrei der sterbenden Millionen wie
wehes Zittern von Geigensaiten ein Geruch
brennt sich zwischen die Buchdeckel die Geschichte wird
neu geschrieben. Bangemachen gilt.
Bald brennen wir auch drängt Rauch
durch Kamine.
Dass die Waldbrände in Australien hier zu einem Wendepunkt der Geschichte stilisiert werden, ist das eine (sicher waren sie eine schreckliche Katastrophe, aber warum „die Geschichte“ nun neu geschrieben werden muss, leuchtet mir nicht ein), aber dass das Gedicht eine Verbindung zu Menschenverbren-nungen und also auch zur Shoa herstellt, erscheint mir zum einen etwas willkürlich, vor allem aber problematisch. Vielleicht missinterpretiere ich auch die Darstellung, aber auch wenn etwas anderes gemeint ist, drängt sich die andere Lesart dennoch auf (zumindest mir).
     Im zweiten Teil werden die Landschaften dann nicht mehr von Katastrophen heimgesucht, sondern sind meist eher friedlich, beschaulich und verschmelzen mitunter, als Erinnerungslandschaften, mit dem Innenleben des lyrischen Ichs. Oft werden Geschichten erzählt, von denen wir als Leser*innen anscheinend nur die eine Hälfte, nur einen Ausschnitt erfahren und denen deshalb etwas Geheimnis-volles innewohnt. Immer wieder sind die Texte auch, hier und da, mit einer freundlich bis ironischen Komik gewürzt, in der aber wiederum eine gewisse Tragik aufscheint.
„Im Großen Haus stimmen
die Töchter die Geigen
dunkeln Celli und Bratschen
nach. Im Park rascheln Marder
durch Unterholz. Zur frühen
Stunde legen in ihren Betten
Männer feuchten Samen ab
mit dem ersten Strahl der Sonne
erschlaffen am Mast die Fahnen.“
              
Im dritten Teil werden die eher verstreuten Schwenke der Zärtlichkeit aus dem zweiten Teil etwas mehr zusammengeballt und es geht vor allem um Liebesbeziehungen (oder um eine, anhand verschiedenster Momente beleuchtet/erzählt). Die Leichtigkeit der Gedichte aus dem zweiten Teil wird fortgesetzt, bekommt aber etwas Drängendes, mitunter auch etwas reduktives.
In diesen Liebesstrophen finden sich einige wunderbare Formulierungen wie etwa:
„mein Herz tut schwere
Schritte mitten durch
mich hindurch“
   
Auch ansonsten sind die Gedichte dieses dritten Teils, in meinen Augen, die elaboriertesten, wobei ihre klaren Fixpunkte ihnen ein bisschen das Andeutungsvolle nehmen, das die Gedichte aus den ersten zwei Teilen ausmacht.
Ich mag Gedichtbände, die eine Vielzahl an Themen und auch an Stilelementen vereinen – „Gegen acht im Park“ habe ich daher mit Gewinn gelesen. Vom märchenhaft-verrätselten bis hin zum engagiert-kritischen Gedicht sind hier viele Spielarten und Tonlagen vorhanden.
„Die Zeit reißt den Rachen auf
schluckt Sterne Wellen stellen
das Funkeln ein nichts schwappt mehr“.

Und das schreibt der Herausgeber Jürgen Brôcan:  "In ihren neuen Gedichten betritt Ursula Maria Wartmann ein unbestimmbares Gelände, in dem genaue Beobachtung und Gefühl, Imagination und (zeit-)kritische Schärfe eine faszinierende Bindung eingehen.

Wartmann stellt die Menschen mit ihren Wünschen, ihrem Scheitern, ihren Begierden und ihren Verlusten in den Mittelpunkt, doch auch die Natur und die Tierwelt spielen - oft verfremdet und surreal - eine wichtige Rolle. Das geschieht mal zärtlich, mal wütend, in einer klar benennenden Sprache, die die Irritation dennoch nicht scheut.

 

Diese Gedichte werfen einen halluzinatorischen Blick auf unsere Gegenwart, der zugleich auch Freiräume öffnet, in denen die Hoffnung beheimatet ist."

 


 Am Erker - renommierte Literaturzeitschrift seit 1977

 erscheint halbjährlich im Daedalus Verlag. 1998 erhielt sie den Calver Hermann-Hesse-Preis für Literaturzeitschriften und erhielt mehrfach Förderungen des Deutschen Literaturfonds.

In ihrer neuen Ausgabe finden Sie eine Rezension zu Ursula Maria Wartmann: "Gegen acht im Park" - es endet mit der Empfehlung: "Ein packendes Debüt."

 

Hier klicken:

http://www.am-erker.de/rez8029.php

 


Kerstin Fischer:
Ursula Maria Wartmann "Gegen acht im Park" aus der edition offenes feld

 

"An den feinen, gleichmäßigen Nähten dieser Gedichte flammen schillernde Bilder. Das macht die Verse feuerhell. Darüber hinaus sind sie hinreißend in ihrer Sprachmelodie, die um die Erfahrbarkeit der Welt ringt, sie immer wieder findet und feiert, dabei ihren Sinn aber nur touchiert: „ Knattern der Zelte im Foyer streunt / der Fuchs durch das stete Rieseln der Zeit / im Wanken des Wolkenkratzers bauschen / sich unter den Decken der Luxussuiten / Spinnweben wie Wäsche im Wind. / “.

 

Beeindruckend ist das Farbspektakel der Wortsalven, in dem Herbstöne dominieren. Hier versteht jemand das Handwerk, mit Sprache Phantasie zu inszenieren. Alles ist bühnenreif, irgendwie.

 

Auch Umweltproblematiken werden darin nicht ausgespart: „ Die Kraniche kraulen bedächtig durch / warmen Wind im wolkenmeer wie / eh und je: In strikter Formation. In / der Tiefe des Atlantik stöhnt der Rochen / beim Verdauen einer Scherbe Tupperware. / “ . Nicht selten weiden die Gedichte ihre Bilder so in auch burschikoserem Nebel. Anregend sind auch die immer wieder auftauchenden atmosphärisch dichten, poetischen Turbulenzen, die in ihrer Anmut an die Dressur von Lipizzanern erinnern: „ das schmale Tal. Ein Anschlag vielleicht; ich / schwimme auf einer verrotteten Stalltür stammle / Gebete und in die Schreie des Bussards / verschränkt sich ein milchiger Sonnenstrahl. “

 

Die Komposition von markanten Bildern und weicheren Sequenzen ergibt blühende Schnittmengen, aus denen Wirklichkeiten entstehen, die wie an geträumten Fäden funktionieren. Muntere Glasperlenspiele sind das Ergebnis, wie sie nur gute Lyrik hervorzubringen vermag: „ Im Hof unten knospen die / Christrosen unterm Laub. Aus / dem Himmel fällt Winterwärme / fällt ins Haar auf die Schläfen erfüllt / das Erwachen mit Kosen / mit Kitzeln. Mit Licht./ “.

 

Aber auch den einfühlsamen, leisen Gleitflug durch Grenzsituationen beherrscht diese Dichterin. Der milde Wimpernschlag der Nähe des Todes ist voller Würde und fesselt in exzellenter Weise. Solche und andere Erfahrungen werden mit zarten Pinseln in das Innenreich des lyrischen Ichs getupft. Dabei sind die Verse anschmiegsam und souverän zugleich. Eine besonders spannende Raffinesse der Poetin.

 

Unsere Sinne werden verfolgt mit fester, sensibler Virtuosität einer Dichtung, die auch tragisch wittert wie in dem Gedicht „ Menschen opfern “ : „ Du hälst die Brust dem Zug hin der dich / überrollen wird du bist ganz ruhig: es ist in Ordnung so ; es ist der Lauf der Dinge. Am Nebengleis / bekreuzigen sich / die Erlösten: / “.

Ursula Maria Wartmann legt hier ein Lyrikdebüt vor, das sich sehen lassen kann, das fordert und beglückt.

Zu erwähnen wären auch noch die schönen, dezenten Illustrationen von Willem Pietersz Buytewech (geb. 1591 in Rotterdam, gest. 1624 ebenda), dem Begründer der niederländischen Genremalerei, aus „Verscheyden Landtschapjes“, die dem Band beigegeben sind und einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen."

 

Gegen acht im Park. Ursula Maria Wartmann. edition offenes feld, 2020.

 


Okulare und Kanäle

Zu Ursula Maria Wartmanns Gedichtband „Am Ende der Sichtachse“

von Monika Littau

 



 

 

 

 

 

 

 

 

In ihrem neuen Lyrikband führt uns Ursula Maria Wartmann ans „Ende der Sichtachse“. Wir wissen nicht, was sich an diesem Ort befindet, ob es der Punkt ist, wo die Sonne am Horizont auf- oder untergeht. Ob es sich um die markierte Stelle im Hamburger Stadtplan handelt, wo der Sprengmeister bereits den Sprengstoff angebracht hat und das Gebäude, vermutlich das Millentor-Hochaus, „in blitzschnelle Tiefe rauscht(e)“. Auch nach der Sprengung bleibt das Ende der Sichtachse markiert, vermutlich für neue Pläne.

Die Stiche des niederländischen Graveurs, Zeichners und Malers Gallis von Scheyndel (1635-1678), die auf dem Cover und vor Beginn der jeweiligen Kapitel des Buches zu finden sind, suggerieren, dass die Gedichte eine Genauigkeit im Umgang mit der Welt anstreben: des Meeres, der Landschaft, der Gebäude und der winzigen Menschen, die sich in der Landschaft entdecken lassen, Menschen, oft im Gespräch miteinander, bei der Arbeit oder beim Schlittschuhlaufen. Die Bilder legen nahe, dass sich ein Ende der Sichtachse finden und verorten lässt.

Aber Ursula Maria Wartmann ist keine Vermesserin, die mit technischem Gerät hantiert, nach Achsen, Entfernungen, Winkeln sucht, so dass sich vermuten lässt, die Gedichte umkreisen Orte, die überhaupt nicht sichtbar und fassbar sind, vielmehr  nur behutsam aufscheinen,

 

„Nachts wird die Geschichte weitererzählt

wenn du das Fühlen von der Leine

lässt von Schmerz von Gewalt unterm

Lebendrupf wirst du erfrieren dein Zittern

wird dich die Nacht entlang tragen …“

(S.16)

 

„Auf dünnem Seil“ heißt dieses für das erste Kapitel titelgebende Gedicht.

Insgesamt gibt es fünf Zitate, unter die die Autorin ihre Texte bündelt. Im ersten Kapitel behandelt sie existenzielle Themen, spricht über den Tod zweier Kinder und die Trauer der Eltern, spricht über den Krieg und die Belastungen, die er nach sich zieht: „Unsere Koffer sind ramponiert/randvoll mit dem Schweigen der Mütter“  (S. 14) heißt es da. Die Lyrikerin spricht über die Schuld der Großmütter,

„die Skrupel streichen sie mit knotigen Fingern/am steifen Brokat der Vorhänge ab“

(S. 17).

 Immer wieder geht es um die innere Kraft und die fehlende Wärme: „Das Weltenherz pumpt Kälte“ heißt es da (S. 18), oder „der Herzmuskel taumelt/unter dem wütenden/Brennen nach/Schutz nach/Zuhause.“ (S.19)

Heilung gibt es weder in der Herkunftsfamilie und „klassischen“ Familie, noch im „Kirchenschiff“. Zitiert werden im zweiten Kapitel Orte der Gewalt und des Missbrauchs. „das Schweigen“, heißt es dort, „sagt man ist die Siegerin der Lüge“ (S. 27). Das Abschlachten von Frau und Kind wird euphemistisch zum „erweiterten Selbstmord“ deklariert. Eine Spirale beginnt sich zu drehen, Gewalt löst Gewaltphantasien aus. „Schluck, du Luder“ steht auf dem Altpapierfahrzeug. Die betrachtende Frau

„(…) lädt ihren Hass in Ruhe

durch und trifft beim ersten Mal

                  

Das Grinsen platzt hinter der Scheibe

weg wie eine reife Melone…“

 

Gejagte fliehen, Frauen singen „Lieder von Freiheit“, lassen die Bombe hochgehen, die den Herrschern ein Ende bereitet. (S. 37)

 Glückliche Momente finden sich nur „Auf dem Weg zu dir“ – so der Titel des dritten Kapitels - wenn „das hungrige Herztier/hinter dem Rippenbogen/grast“ (S. 43),

wenn das lyrische Ich die Tür zur Waldlichtung aufstößt und auf dem Weg zu seinem Gegenüber ist, sich des Innersten gewahr wird und „(…) dein Lächeln/wie Quecksilber über/mein Herzrot hin“ rollt. Es ist die lesbische Liebe, die den Geschmack der Süße bringt, wenn „Unter dem Gaumen die/warme Runzelknospe der Brust“ (S. 47) Süße verspricht, Bereitschaft zu Milde und Wachstum in der Beziehung erhoffen lässt (S. 48).

 



 

Im vierten Kapitel richtet die Autorin ihr Augenmerk auf die Natur, ökologische Probleme, den möglichen Untergang. Borkenkäfer zerstören Wälder, Wale verenden, nukleare Endlager werden nicht gefunden, Fluten bedrohen Menschen. Und trotzdem flackern

 

„Träume wie schwarze

Dochte wir fahren hinaus wir

fischen sie von den Schaumkronen

mit sperrigen Netzen wir

schicken sie in die Umlaufbahn

der Hoffnung (…)“ (S. 65)

Das letzte Kapitel des Buches trägt den Titel „Im Süden traurig sein“.  Nicht ohne Trauer, aber mit der Gewissheit zu bleiben, endet der Lyrikband.

„Ich werfe mein Sehnen

mit weitem Arm in

die Zukunft wie

einen Anker. Hier

bleibe ich…“ (S. 91-92)

Und auch im Winter findet sich Hoffnung: „…Unsere Träume/fädeln wir am Ofen zum Trocknen auf/so gehen sie uns nicht verloren.“ (S.97)

Ursula Maria Wartmann ist von Hause aus Journalistin und begann ihre literarische Arbeit zunächst mit Erzählungen und Romanen. Seit 2019, also erst seit kürzester Zeit, schreibt sie auch Lyrik. „Am Ende der Sichtachse“ ist nach „Gegen acht im Park“ (2020) der zweite Gedichtband, der in der edition offenes feld erscheint. Den ersten Texten des gerade erschienen Buches spürt man die Journalistin noch ein wenig an, hat den Eindruck, dass Ursula Maria Wartmann auf Presseberichte, Bilder reagiert und die Ecken auszuleuchten versucht, für die im Journal kein Platz ist. Sie geht deutlich über die Sichtachse hinaus, ist auf der Suche nach der persönlichen Wahrheit, der „Herzenswahrheit“. Selten habe ich in jüngster Zeit einen Lyrikband gelesen, in dem so oft das Wort Herz vorkommt, ohne zu belasten, ohne pathetisch zu werden. Ursula Maria Wartmann scheut sich nicht, diese Metapher zu verwenden, stellt sie in Kontexte, die mit starker Metaphorik ein Gesamtbild eingehen. Sie belauscht die Katzen „die sich durch Hunger wühlten wie wir und durch unsere Träume“, durchschreitet Räume voller „taunasser Streuobstwiesen der Angst“ (S. 14) und voller Hoffnung.

In freien Rhythmen, die den sprachlichen Eindruck mit Alliterationen und Parallelismen, einem Zeilenbau, der Ambivalenzen aufzeigt und Bedeutungsverschiebungen bewirkt, geht sie bewusst dorthin, wo nicht mit dem Auge betrachtet wird, zumindest nicht ausschließlich. Man sieht nur mit der Lyrik gut, könnte man am Ende bestätigen. Die Gedichte von Ursula Maria Wartmann sind zugleich Okulare, um tiefer in die Welt zu schauen und Kanäle, durch die etwas Neues in die Welt eintritt.

 


Ulli Gau zu "Gegen acht im Park"

https://cafeweltenall.wordpress.com

 

...

Ihre Gedichte lassen mich an Rock’n Roll, manchmal auch an Punk denken. Der Wortrhythmus ist meist schnell, die Themen sind die, die manche gerne auslassen; solche, die das Leben lieber verromantisieren, dem Leiden in der Welt rosa Tülltücher überhängen, die aussparen, was weh tut. Wartmann macht das nicht. Sie benennt das, was schmerzt, heute schmerzt. Sie geht nicht am menschlichen Leid vorbei, nicht an der Verwüstung der Natur, nicht an der Unbill unserer Zeit.

 

Sie klagt nicht, sie klagt nicht an, sie benennt. In ihrem schnellen Rhythmus schreibt sie über das, was nicht stimmt in unserer Welt. Ja, das tut manchmal weh; so, wie Nachrichten weh tun, so, wie mancher Gang durch große Städte weh tut, wie Kriege und deren Folgen, wie Ungerechtigkeiten, Egoismus, Verhärtungen Diejenigen schmerzen, die sich eine andere Welt wünschen.

Wartmann weiß die Worte zu setzen.

Hinter dem Schmerz steht die Freude, die Liebe, das Kleine, Leise, Zarte, all das finde ich auch und nicht nur zwischen den Zeilen.

 

Ein Gedichtband, den ich euch gerne ans Herz legen möchte. Ich hoffe auf mehr aus Wartmanns Feder.

 

Hier ein Lesebeispiel, eins vom Glück (vielleicht weil Adventzeit ist) –

 

Natürlich ist es Glück

 

Natürlich ist es Glück. Im Haar

der Kranz aus blauen Blumen den

heiterste Nachtträume webten

von Norden das Summen der

Kirchenglocken gegen Fensterglas.

Im Hof unten knospen die

Christrosen unterm Laub. Aus

dem Himmel fällt Winterwärme

fällt ins Haar auf die Schläfen erfüllt

das Erwachen mit Kosen

mit Kitzeln. Mit Licht

 

Ursula Maria Wartmann "Gegen acht im Park", edition offenes feld 2020. Gebundenes Buch, Schutzumschlag und Fadenheftung. Das Coverbild und die vier Illustrationen aus: Willem Pietersz. Buytewech, „Verscheyden Landtschapjes“ .

 

Empfehlung des Monats der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig:

 

„Am Ende der Sichtachse“

April 2022 – Empfehlung des Monats von Monika Hähnel

Nach Gegen acht im Park (2020) legt Ursula Maria Wartmann aus Dortmund nun bereits einen zweiten Gedichtband vor, der wiederum bei eof (edition offenes feld) erschienen ist. Als Schriftstellerin ist die mehrfach preisgekrönte Autorin vor allem durch Romane und Erzählungen, Reportagen und Essays bekannt geworden und hat nicht, wie weitaus üblicher, mit Lyrik begonnen. Dennoch haben wohl auch bereits die Sammlungen auf ihrer Homepage „Wortschätze und Bildwelten“ auf ihr poetisches Weltverständnis verwiesen, das in ihrer bisherigen Arbeit gründet.

Deshalb gliedert sich auch der neue Band inmehrere Teile, deren Überschriften sich jeweils

aus einem gleichnamigen Gedicht speisen und die thematische Spannbreite andeuten – schöne und gefährdete Landschaft und Natur, schwierige Geschichte und Gegenwart, Liebe und Trauer…

Einige Gedichte, die sich stofflich wohl eher vergangener Zeit verdanken, machen durch die Parallelen zum Heute in besonderer Weise betroffen:

                        … so ruhig sagt das Kind aber wo ist er

                        der Krieg liegt im Graben in Stellung

                        die Stiefel gewichst die Bajonette

                        geschärft doch das sagt niemand

                        dem Kind hat genug gesehen

                        und erlebt soll nun glücklich sein. (Aus: In Stellung)

Manchmal sind es solche Szenen, die die Strophen tragen und insofern sich wie Prosatexte organisieren, aber immer zeigt sich auch das starke Interesse der Dichterin, uns als Leser durch originelle Bilder, sorgsam gewählter Sprachelementen verschiedener Stilebenen und stark auch  durch den von den Zeilensprüngen bewirkten Rhythmen zum aufmerksamen Lesen anzuregen.

Das erweist sich durchaus als nicht einfache Aufgabe, zumal in der Regel auf alle gliedernden Satzzeichen verzichtet wird und nur der Punkt hinter dem letzten Vers sagt: Ende.

Oft entsteht aber gerade durch diese Mittel auch Doppeldeutigkeit: wir lassen das hungrige Herztier / hinter dem Rippenbogen grasen; es wird nicht losgelassen, es darf sich nähren. Am Strand beperlt die Bö unsere Haut oder Im schillernden Radschlag / der Federn das Funkeln des Fensters / als du es hastig schließt sind nur zwei Beispiele der sehr gelungenen und aus emphatischer Beobachtung kommenden Bilder, die gleichsam einen Anker werfen in unsere Assoziationen.

Dann macht auch das einzelne ungewöhnliche Wort, zum Beispiel Saugfuzß  aufmerksam, dass es kein Druckfehler ist, sondern, verwandt mit dem althochdeutschen fuoz, zeigt, wie der Gecko, der eine Glasscheibe durch die Haftlamellen an seinen Füßen hinauflaufen kann, hier im Gedicht dem Tag seinen Stempel aufdrückt.

Solche Wortpreziosen finden sich mehr – Lebendrupf, Sonnenknistern, steifer Brokat, kantiges Gold – und auch sie  tragen dazu bei, dass sich die Gedichte überzeugend mit den scheinbar aus der Zeit gefallenen Lithographien des niederländischen Gillis van Scheyndel (gestorben 1679) paaren. Ein gelungenes Lese- und Schaubuch wartet auf unsere Entdeckungen!

Ursula Maria Wartmann: „Am Ende der Sichtachse

edition offenes feld, Dortmund 2021

Hardcover mit SU, Fadenheftung

ISBN 9783754304730

100 S.

19,50 €