Harenberg City Center 2015. Hans-Gerd Nottenbohm (rechts) erhält den Ehrenring der Innenstadt West von Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß. 

Die Laudatio hält Ursula Maria Wartmann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Petra Paplewsky


Bei Anruf Wort!

 

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Laudatio anläßlich einer Preisverleihung im Harenberg City Center

von Ursula Maria Wartmann

 

 

Hans-Gerd Nottenbohm. Da sitzt er! Er ist jetzt gerade über sechzig Jahre alt, was man ihm natürlich nicht ansieht; fast

dreißig davon „rödelt“ er als Geschäftsführer im Union- Gewerbehof. Und natürlich sind die Jahre wie im Flug vergangen – so unheimlich schnell, dass er sich manchmal fragt, wo nur die Zeit geblieben ist, eine Frage, die wir uns alle gelegentlich stellen, wenn wir in die Jahre kommen … Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Bochum kam eine Karriere zunächst nur zögerlich in Fahrt. VHS-Kurse, dort ein Zeitvertrag, hier eine ABM. So waren die Zeiten damals: Man hat sich halt irgendwie durchgeschlagen.

Heute sieht das ja auch nicht viel anders aus!

 

Die Kohle- und Stahlkrise dann im Ruhrgebiet. Nichts war mehr, wie es war. Giganten wankten, fielen. Selbstverwaltete Betriebe schossen aus dem Boden. 1986 besetzte eine Handvoll arbeitsloser Akademiker ein Gebäude des heutigen Union-Gewerbehofs, kaufte es dann für 100 000 Mark von Hoesch. „Eine marode Bude war das hier“,  hat der Diplom-Ökonom in einem Interview einmal berichtet. „Wir waren um die zwanzig Leute, wir haben das Geld zusammengekratzt eine GmbH gegründet, Fördermittel beantragt. Und dann haben wir einfach losgelegt!“

Das Geld war knapp, dafür gab es jede Menge Idealismus. Der Gedanke der Selbsthilfe und des Miteinanders war bestimmend für den Gründergeist dieser Tage. Hans-Gerd Nottenbohm fungierte von Beginn als einer der Geschäftsfüher des Gewerbehofs – von 1989 bis 2005 ohne jede Bezahlung: Das sind unterm Strich 16 lange Jahre ...

 

Aufgewachsen ist er in Hünxe. Zusammen mit seiner Frau, Hannlore Korff, wie er ein „Urgestein“ im Gewerbehof, pendelt er die Strecke jeden Tag. Ein Glück, dass Hannelore gerne Auto fährt, er selbst mag das nicht so, findet aber den „gewissen Abstand“ gut, den die tägliche Fahrerei zwischen Arbeit und Freizeit schafft. Auch das werden viele von Ihnen kennen. In Dortmund wohnen haben die beiden kurz mal probiert, aber dann doch zu den Akten gelegt.

Er hat halt seinen besonderen Reiz, der alte Kotten in Hünxe, den der Großvater damals baute; wo es den großen verwunschenen Bauerngarten gibt und dieses besondere Licht des Niederrheins ...

 

Hier und Heute haben sich unter dem Dach einer Genossenschaft über 200 Menschen  auf dem weitläufigen Gelände des Union-Gewerbehofs angesiedelt, der insbesondere in Sachen Stadtplanung einen ausgezeichneten Ruf genießt. Die Planer und Planerinnen aus Dortmund sind in ganz Deutschland gefragt. Und es gibt anderen Sparten, die erfolgreich dort arbeiten: Eine Fülle von Firmen, Büros, Ateliers und Galerien …

 

Es scheint also unbedingt so, da werden Sie mir zustimmen, als hätte die Geschäftsführung das eine oder andere richtig und gut gemacht. Na ja, räumt Hans-Gerd Nottenbohm ein, na ja gut, das könne schon so stimmen. Den Begriff Ehrenamt will er dennoch für sich nicht  gelten lassen. Gut, er sei im Dienst der Sache tätig gewesen, aber immerhin sei es ja auch seine EIGENE Sache gewesen und damit nicht uneigennützig.

Mit einem Wort: Er habe es auch für sich getan.

Das, meint er, sei doch nicht so etwas wie das Engagement zum Beispiel bei der Flüchtlingshilfe. „Auf dem Niveau“, formuliert er, „will ich das nicht sehen!“

 

Ein anderes Wort lässt er aber für sich gelten: bürgerschaftliches Engagement.

 

Das hat er ein zweites Mal im Unionviertel gezeigt, als das Viertel noch gar nicht so hieß. 2007 war er Gründungsmitglied des „Vereins Rheinische Straße“, der unter seinem Dach viele engagierte Menschen versammelte, Veranstaltungen organisierte und Herausgeber der Zeitschrift war und ist, die heute Unionviertel-Zeitung heißt, und die sich im Quartier allergrößter Beliebtheit erfreut. Sicherlich auch bei etlichen unter Ihnen.

 

2013 hat Hans-Gerd Nottenbohm den Vorsitz abgegeben, den er sechs Jahre innehatte. Macht unterm Strich 22 Jahre – gut, dann sagen wir „bürgerschaftliches Engagement“, um den zu Ehrenden bei Laune zu halten …

Sein Geld, und das braucht man ja auch,  hat der Mann aus Hünxe woanders verdient. Er war und ist bundesweit als Berater unterwegs. Wer eine Genossenschaft gründen will, lernt bei ihm, wie das gehen kann.

 

Irgendwann in all den langen, bewegten Jahren war er auch drei Jahre in Brüssel tätig. Beim Euro-Infocenter. Auf den Dienstreisen hat er viele Länder gesehen: Italien oder Schweden, Estland oder Großbritannien. Die Liste ist lang …

… und überall dort, wo er war, wissen die Leute jetzt, wie das mit den Genossenschaften funktioniert. Nur diese gut bezahlten Jobs hätten es ihm erlaubt, sagt er, so lange auch dem bürgerschaftlichen Engagement die Treue zu halten.

Und das hat er wirklich getan.

 

In Brüssel, hat er einmal erzählt, „haben meine Kollegen mich hochgenommen. Es habe eine Beschwerde von der Bahn gegeben, weil ich die ganzen Sitze durchgesessen hätte!“

In der Tat ist er während dieser drei Jahre manchmal zweimal die Woche mit dem Zug nach von Brüssel nach Dortmund gefahren, manchmal sogar an einem Tag hin und wieder zurück. Macht unter Strich acht Bahnstunden an einem Tag. Okay, da kann man verstehen, dass die Bahn mal ins Grübeln kam …

 

Schon in seiner Jugend hatte Hans-Gerd Nottenbohm ein Ehrenamt, und er hatte einen Lieblingsschriftsteller. Der „Job“ war im Dienst der Feuerwache, und der Schriftsteller hieß Mark Twain. In den ausgedehnten Waldgebieten am Niederrhein standen damals hohe stählerne Türme, ähnlich wie Elektromasten muss man sich das vorstellen, von denen aus in heißen Sommermonaten überwacht wurde, ob irgendwo ein Waldbrand auszubrechen drohte. Und dort oben saß vier Sommer lang viele Stunden am Tag der junge Hans-Gerd und wachte über die Wälder des Niederrheins, ausgestattet mit Wasser und Limo, Obst und Butterbroten, einem Funkgerät für den Fall der Fälle. Und mit Lesefutter: Unter anderem Twains Tom Sawyer, den er heiß und innig liebte und in seinem Leben gleich mehrmals gelesen hat.

 

Einen Waldbrand gab es in seiner „Amtszeit“ übrigens nie.

Ganz herzlichen Glückwunsch, lieber Hans-Gerd Nottenbohm!!!

Du hast dir den Ehrenring ganz sicher verdient!

 

 

 


 

Rede zu einem 90. Geburtstag

von Ursula Maria Wartmann

 

Liebe Gäste, liebe Mutter,

 

wer 90 wird, hat viel gesehen, hat viel Glück erlebt und – hoffentlich – nicht ganz so viel Leid. Wer 90 wird, dem macht so schnell niemand mehr was vor. Wer 90 wird und dabei seine gute Laune behält, so wie unser liebes, so warmherziges wie humorvolles Geburtstagskind, der hat eine schöne Feier verdient. Mit netten Gäste wie Ihr es seid / wie Sie es sind. Und natürlich mit einer kleinen Rede, die ein paar Stationen aus dem Leben unserer Jubilarin aufzeigen soll.

 

Elisabeth also und mit zwei weiteren Namen: Elsa und Margarete. Elisabeth Elsa Margarete Meyer also, geborene Witt. Die beiden letzten Vornamen verdankt sie, die 1923 in einem kleinen Ort in der Nähe von Breslau geboren wurde, den Töchtern des dortigen Schlossbesitzers, mit denen meine Großmutter Maria, die Mutter also unseres heutigen Geburtstagskindes, damals in Schlesien oft gespielt hat. Maria sah anders aus als ihre Schwestern, am Ende, so wurde hier und da gemunkelt, war das die Tochter vom Schlossherrn …?  Jedenfalls hatte sie als einzige das Privileg, mit dessen Töchtern spielen zu dürfen, und, mein Gott, man weiß ja, was die Leute so reden. Marias späterer Mann, Albert, kümmerte das Geschwätz nicht: Er war Melkermeister beim Schlossherrn, ein sogenannter „Schweizer“, während Maria das Haus versorgte und die Kinder aufzog.

 

Im heutigen Polen hat die kleine Elisabeth eine typische Kindheit auf dem Land erlebt: Umgeben von Tieren und einer überbordenden Natur, dem Wechsel der Jahreszeiten und festen sozialen Strukturen. Wohlbehütet, das Wort fällt Dir jedesmal ein, liebe Mutter, wenn Du wie so oft von diesem „damals“ sprichst. Du erzählst gerne, wie in einem kalten Winter Deine Eltern mit dem Fahrrad nach Breslau fuhren, um Spielzeug für die nahende Weihnacht zu kaufen. Diese Vorfreude, diese Spannung – und dieses kleine Augenzwinkern, als deine Mutter sagte, dass man so ganz uneigennützig nicht durch die Kälte geradelt sei: Man war nach dem Weihnachtseinkauf im Schweidnitzkeller unter dem Breslauer Rathaus eingekehrt, der berühmt für seine wunderbare Küche war.

 

1938 bist Du konfirmiert worden und mit 14, kaum war die Schulzeit zu Ende, in eine Familie nach Brandenburg gekommen. Das war ziemlich weit weg von zu Hause und bestimmt nicht eben einfach für dich; Deine Patentante war damals, hast Du einmal erzählt, ziemlich sauer auf Deine Eltern, weil sie dir das zugemutet haben. Ein Glück also, liebe Gäste, dass unser Geburtstagskind schon damals so neugierig war, wie wir es alle seit jeher kennen. Denn ihr

Interesse am Leben und ihre Lust auf Neues machten auch diesen schweren Schritt etwas leichter. Und dann war es ja auch sehr nett und fürsorglich, dieses ältere Lehrerehepaar, das ein junges Mädchen für den Haushalt gesucht hatte. Sechs Jungen wurden in ihrer Privatschule unterrichtet , wo du „in Stellung“ warst: Waschen, Betten beziehen, kochen. Den Garten jäten. Den Haushalt besorgen ...

 

Das Ganze währte nicht eben lange, nämlich nur ein Jahr. Dann brach der Krieg aus, der ganz Europa in Flammen setzen sollte. Dein Vater Albert ersetzte seine Stelle als Schweizer des Schlossherrn durch eine besser dotierte Anstellung in einem Nachbarort, und Du bist zu deinen Eltern dorthin zurück gekehrt. Fast täglich fuhr unser Geburtstagskind damals in ein nahe gelegenes Damenstift, um als Weißnäherin zu arbeiten, doch dann wurde offiziell dazu aufgerufen, dass alle jungen Mädchen in sogenannten „höher gestellten“ Familien „dienen“ sollten. So "diente" Elisabeth  beim Bürgermeister des Nachbarorts, wo als Zusatzaufgabe die Versorgung des Taubenschlags anstand …

 

1945. Erst kamen die polnischen Soldaten, dann die Russen. Die Frauen versteckten sich: draußen im Wald, in den Feldern. Auf den Dachböden. 1945 wurde Breslau bombardiert. Das Grauen regierte. Die Welt lag in Trümmern.

Innerhalb von drei Stunden mußtet auch Ihr Euer Dorf verlassen. Der lange Treck gen Westen begann. Ochsenkarren, mit dem Nötigsten voll gepackt. Junge, Alte, die Kranken und Gebrechlichen, sie alle wollten nur eins: Das nackte Leben retten.

 Ihr hattet Glück, ihr kamt durch: Du und Deine Eltern, der kleine Bruder Gerd. Die großen, Horst und Willi, waren an der Front und waren weiß Gott wo geblieben. Angst war ein ständiger Begleiter in diesen schweren Zeiten – neben dem Hunger, der Kälte, der furchtbaren großen Ungewissheit, wohin das Leben nun eigentlich führen sollte.  

 

Es führte Euch hierher, nach Rodenberg. Eure Familie wurde Bauern zugewiesen. Dein Bruder Gerd, mein Onkel, lebte und arbeitete beim Bauern Moog, Du und die Eltern kamen bei den Winters unter. Irgendwann stießen auch die Großen wieder zu Euch: Horst aus der französischen und Dein Bruder Willi, der ja heute ebenfalls hier ist, aus der russischen Kriegsgefangenschaft. Wie durch ein Wunder war die Familie wieder beisammen – in der Fremde diesmal, weit weg von den Wurzeln, der Heimat.

 

Neubeginn. Und wieder war unser Geburtstagskind „in Stellung“ – diesmal bei der Fotografenfamilie hier am Ort, den Grasfelds, die sicher viele von Euch und Ihnen noch kennen. Elisabeth war jetzt 23 Jahre alt, sie hatte schon damals viel erlebt und viel gesehen, und ihr unerschütterlicher Optimismus hatte über so manche Klippe geholfen. Und dann, welch ein Zufall und welch ein Wink des Schicksals, lief ihr Fritz eines Tages über den Weg – Fritz, den sie von früher kannte, aus dem kleinen Ort nebenan, wo Fritz Eltern damals in diesem anderen Leben ein Gasthaus betrieben. Fritz war nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft ebenfalls in Rodenberg gelandet. Seine Eltern waren mit dem gleichen Treck wie die Familie Meyer in den Westen unterwegs gewesen - so kann es gehen im Leben ...

 

Kurz nach Kriegsende habt Ihr zwei Hübschen geheiratet. Du, liebe Mutter und liebes Geburtstagskind, hast damals noch bei deinen Eltern gewohnt, während Fritz, Dein Mann, schon in Hagen als Tischler arbeitete. Und dann kam 1950 Werner, mein Bruder, als euer erstes Kind zur Welt. Ein Umzug wurde fällig. Hagen wurde auch mein Zuhause, als ich drei Jahre später dort geboren wurde. Eine so tolle Nachbarschaft sei das damals gewesen, so schwärmst Du auch heute noch  gerne, und sicher hast Du eine Menge dazu beigetragen: mit Deiner Lebenslust, Deinem Interesse an den Menschen und Deiner Bereitschaft, ihnen zuzuhören. Jedenfalls sind unter den heutigen Gästen, wenn wir uns so umgucken, viele der Menschen von damals. Einigermaßen hochbetagt und, genau wie Du, liebe Mutter, trotz mancher Wehwehchen im Rückblick voll Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Auch ich danke Dir für alles, was Du uns gegeben hast, und bitte euch nun, mit mir gemeinsam das Lied anzustimmen:

Hoch soll sie leben!