• Endauswahl 21. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2016
  • Literaturpreis Autorinnenforum (Schirmherrschaft: Ursula von der Leyen und Marlene Streeruwitz), 1. Preis 2007, verliehen in der Kulturbrauerei Berlin *  siehe Laudatio von Odile Kennel zur Preisverleihung und Wettbewerbsbeitrag „Der Mann am Pool“
  • Literaturpreis Oberhausen, 1. Preis 2002, verliehen für "Geheime Ordnung" im Kulturzelt auf dem Friedensplatz Oberhausen (Motto der Kulturwoche LICHT STADT SCHATTEN) von Bürgermeisterin Gretel Kühr
  • Literaturpreis Ruhrgebiet, Förderpreis 2001, verliehen für "Wachablösung" im "Martinstift" Moers von Gerd Herholz, Leiter Literaturbüro Ruhr * siehe Laudatio von Jens Dirksen, WAZ
  • Auszeichnung der GEDOK Rhein-Main-Taunus 1997
  • Endauswahl Hamburger Förderpreis für Literatur 1995, Vorstellung des "Hamburger Ziegel" im Literaturhaus Hamburg
  • Literaturpreis Ullstein-Verlag, 1. Preis 1993
  • Elisabeth-Selbert-Förderpreis der Hessischen Landesregierung 1983, verliehen im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel von Ministerpräsident Holger Börner

* Odile Kennel - Autorin, Lyrikerin, Übersetzerin - zu "Der Mann am Pool".

Hauptpreis: Ursula Maria Wartmann. 2. Preis: Sandra Bräutigam. 3. Preis: Claudia Breitsprecher

Themenstellung: "Dünn ist die Decke der Zivilisation"

 

 

„Liebe Ursula Maria Wartmann,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

 

gute Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass sie es vermag, jenen „großen Themen“, von denen heute Abend die Rede ist,

mit geradezu beiläufigen Worten das Gewicht zu verleihen, das ihnen zukommt. Ich bin überzeugt, dass die kleinen,

scheinbar privaten Geschichten eine weit nachhaltigere Wirkung entfalten als „große Worte“: Sie schlüpfen

durch die Hintertüre herein, überraschend, ja überrumpelnd, weil man sie nicht als abstrakte Ideen

von sich weisen kann, sie einen direkt ansprechen, mit dem eigenen Leben zu tun haben.

 

Ursula Maria Wartmanns Texte haben mit dem Leben zu tun, mit dem der „kleinen“, am Rand der Gesellschaft

stehenden Leute und ihren auf den ersten Blick unauffälligen Geschichten, die auf die dahinter stehenden gesellschaftlichen

Strukturen und Missstände verweisen. Vielleicht, weil Ursula Maria Wartmann im Ruhrgebiet aufwuchs,

das von „kleinen“ Leuten „gemacht“ wurde, und wo sie, nachdem sie viele Jahre in Hamburg als Journalistin gearbeitet hat,

heute wieder lebt. Ihre ersten Publikationen gehen auf die 90er Jahre zurück, auch wenn sie sich damals,

wie sie sagt, als Schriftstellerin noch nicht ernst nahm.

Seither hat sie Erzählungen, Hörspiele und Romane veröffentlicht, zuletzt „Die Angst der Kaninchen“ und

„Rückkehr der Träume“, beides im Querverlag erschienen. 2001 erhielt Ursula Maria Wartmann den Förderpreis des Literaturpreises Ruhrgebiet und 2002 den 1. Literaturpreis Oberhausen.

 

Ihre Erzählung „Der Mann am Pool“, für die sie heute Abend den 1. Preis des Autorinnenforums verliehen bekommt,

zeichnet sich durch eben jene, anfangs erwähnte, scheinbare Beiläufigkeit aus. Mit wenigen, genauen Strichen

skizziert die Autorin den „Spielraum“ einer – leider – alltäglichen Geschichte und offenbart die ihr innewohnende Brutalität.

Ich sage „Brutalität“ und meine: „Gewalt“. Männergewalt, um genau zu sein: ermöglicht, oder auf jeden Fall

nicht verhindert durch hierarchische, patriarchalische Strukturen, die in Zeiten der Globalisierung in den Hintergrund

gerückt scheinen (oder auf andere Kulturen projiziert werden, um damit Kriege zu rechtfertigen); dabei sind sie

jeder der heute brennenden Fragen immanent; ich sage nicht: die einzige Antwort. Sondern: Der Feminismus hat längst nicht

ausgedient, wie es heute gerne dargestellt wird, er ist, wie andere Befreiungstheorien und -bewegungen auch, nichts Statisches und bedarf in dieser Zeit des fundamentalistischen Kapitalismus, der Fundalismen aller Art, einer neuen „Durchsicht“, die den veränderten Umständen Rechnung trägt.

 

Denn ich behaupte – ohne herabwürdigen zu wollen, was wir den VorkämpferInnen für Frauenrechte durch die Jahrhunderte hindurch und der 68er-Bewegung verdanken: Die grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen haben sich, letztlich, nur bedingt verändert, längst nicht überall und auch nicht im Herzen dieser sich für so „fortschrittlich“ haltenden Gesellschaft.

 

Ursula Maria Wartmanns Erzählung könnte 1960, 1980 oder auch 2007 spielen; das Mädchen Barbara, das Lisa fast flehend

seine Freundschaft anträgt, das von dieser mit Faszination und Abscheu beobachtet und von ihrem Vater belächelt, erniedrigt

und gedemütigt wird, ist eine von denen, die, um Christa Wolf zu zitieren, an den „äußeren Rand“ gedrängt und „schließlich darüber hinaus geschleudert werden“, gestern wie heute. Und sie könnte bei jedem von uns gleich nebenan wohnen, oder zwei Häuser weiter.

 

Und wie Barbaras Vater im abblätternden Türrahmen steht und Lisa an der Schulter ins Haus schiebt, wie Lisa sich

gegen die Garderobe drückt und sich inmitten von dicken Mänteln in den Winter denkt oder vielleicht auch wünscht,

an diesem heißen Junitag, möglichst weit weg jedenfalls, ahnt man schon, was – möglicherweise – folgen wird; und will dennoch weiter lesen, weil die Geschichte einen in ihren Bann zieht, weil man die Beklemmung am eigenen Leib zu spüren vermeint, weil man erschrickt über das Klirren eines Plastikknopfes an der Fensterscheibe, man den Fernseher ausschalten möchte mit seinen Westerndialogen, man abgestoßen und fasziniert ist von der körperlichen Präsenz des Vaters ... die Luft anhält, erleichtert ist, als Lisa das Haus wieder verlässt, obwohl man weiß, dass die Geschichte nicht zu Ende ist,

sondern – möglicherweise – erst anfängt.

 

Diese Laudatio allerdings endet hier, alles Weitere überlasse ich dem Text, der für sich spricht …“


* Jens Dirksen - Feuilleton WAZ - zu "Wachablösung".

Auszug aus der Laudatio zur Preisverleihung Literaturpreis Ruhrgebiet.

Hauptpreis: Brigitte Kronauer, Förderpreise: Dr. Stefan Albus, Ursula Maria Wartmann.

Themenstellung: "Der stille Hass"

 

 

"Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, sehr verehrte Preisträger,

sehr geehrte Preisstifter vom Kommunalverband Ruhrgebiet,

meine Damen und Herren,

 

 

... "Der stille Hass" ... war das Thema im Wettbewerb um die beiden Förderpreise zum Literaturpreis Ruhrgebiet. Wir waren in der Jury vor einem Jahr der Auffassung, dass die unterdrückte Aggression in unserer Konkurrenzgesellschaft , die sich ja immer schärfer in Sieger und Verlierer spaltet, zwangsläufig zu einem sozialen Sprengsatz, zu einer Zeitbombe wird. Dass sich das Ganze längst zur politischen, zur globalen Gefahr ausgewachsen hat, muss man in diesen Wochen und Monaten leider gar nicht mehr besonders betonen ...

 

"Wachablösung", die Dreiecksgeschichte von Ursula Maria Wartmann, bietet eine psychologisch genaue Studie über das Hasspotenzial des Egoismus: Jochen, gerade 30,  hätte Marion gern geheiratet. Wenn da nicht ihr minderbemittelter kleiner Bruder wäre, der die beiden auf Schritt und Tritt verfolgt. Jochen, der gut verdienende halbspießige Flusenabhefter, er versteht nicht, wieso sich Marion um ihren Bruder kümmert und um ihren verwahrlosten Vater auch noch. Jochens Hass auf das Kind wächst, und als es ihm auch noch Marions Abschiedsbrief bringt, läßt Jochen seine ganze Wut an dem Jungen aus, indem er ihn bis aufs Blut reizt, im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Diese Gegenüberstellung von Egoismus und Fürsorge hat Ursula Maria Wartmann aber viel subtiler gezeichnet, als es meine schlichte Nacherzählung vielleicht vermuten lässt.  Am Ende wissen wir jedenfalls, wenn wir genau hinlesen, wie schnell Liebe in Hass umschlägt, wissen aber auch, wie sehr Egoismus und Fürsorge einander manchmal bedingen: Zum einen in der Fürsoge aus lauter Egoismus, zum anderem in jenem Egoismus, der in den Schützlingen einer übergroßen Fürsorge heranwächst .