Hinter dem Tor

 

Text entnommen aus "Midlife Blues"

 

 

Das Taxi nahm die ganze Breite des Bürgersteigs ein. Daneben, auf  dem Radweg, duckten sich schwarze Müllsäcke,

schwer und nass vom Regen der vergangenen Nacht. Der Sturm drückte salzige Luft vom Hafen herüber,

die Flut stieg über den Fluss, bis weit ins Hinterland hinein. Die Frau schob ihr Rad an dem Taxi vorbei.

Etwas war anders als sonst: Das Tor hatte noch niemals offengestanden. Es war ein grau gestrichenes hohes Eisentor,

das sich ächzend unter dem Wind in den Angeln bewegte. Der Taxifahrer sah gelangweilt aus.

Ab und zu schoben die Wischer auf der Frontscheibe den Sprühregen zur Seite.

Der Taxifahrer gähnte und kratzte sich im rechten Ohr.

Er betrachtete seine Fingernägel und sah mit unbewegtem Gesicht der Frau entgegen.

Die Frau lehnte ihr Rad an die Mauer. In dem Wagen dröhnten die Boxen.

Volksmusik.

Die Frau schob das Tor auf.

 

Weit hinten über dem Fluss hetzten tiefe Wolken die januarfahle Sonne.  Hinter dem Tor führte das Moos auf den Gräbern

sein eigenes Leben. Die Rabbis waren längst gegangen. In einem Gebüsch rostende Konservendosen;

weißer Marmor flammte in der Dämmerung. Unter dem Sturm umklammerten sich die Wipfel der hellen Birken,

und der Wind brachte den Duft von Salz und Jasmin.

 

Die Frau ging vorsichtig, Schritt für Schritt. Sie fror, und ihr Gesicht leuchtete durch die Bäume.

Jacob, der Lebenskluge, mit den Schläfenlocken, Dorith, die Trauernde, beim Abendgebet, Samuel im Kaftan

aus grober Wolle und Velvethut, Sarah, die Schöne, die viel zu früh starb.

 

Fremde Schriftzüge, in einer anderen Zeit in Stein gemeißelt vor den Toren der Stadt, das Grabmal der Portugiesen,

die Glanz und Reichtum auf ihren Schiffen brachten. Laub unter ihren Füßen, Laubhüttenfest, die Tage der Reue,

und schließlich der Sabbat des Trostes. Sie waren fromm gewesen, und in die Gräber hatten sie ihre Geschichte genommen.

In sperriges Moos hinein, in schwarze Erde, über die der Sturm heulte, so dass selbst die Vögel erschraken.

Auf der Elbe tanzten die Nebelhörner. Die Frau bückte sich und berührte mit der Hand einen Stein.

Sarah, flüsterte die Frau, und ihre Augen waren so dunkel wie die Klage der Vögel.

 

Der Taxifahrer hatte das Band gewechselt.

Marschmusik.

Er hatte sie bis zum Anschlag hochgedreht.

 

„Was machen Sie hier“, rief der Mann. „Wieso sind Sie hier hereingekommen?“

Er flatterte in einem hellen Trenchcoat über die Gräber. Der Mann war alt, er stolperte und hatte Mühe, nicht zu fallen.

Zwanzig Schritte hinter ihm ein junges Paar. Eine Kamera in der matten unschlüssigen Rechten des jungen Mannes.

Er war schwarzhaarig, und über seinen Mantel hatte er einen weißen Schal geworfen.

Die Frau war blond. Sie war füllig, und am Verschluss ihrer Ledertasche glänzte eine  Spange, goldfarben, wie kostbarer Schmuck.

„Was machen Sie hier?“, wiederholte der alte Mann.

Er sprach mit amerikanischem Akzent.

Die Frau sah ihn an, wortlos, sie sah die Altersflecken an seinen Schläfen, und sie sah die Empörung in seinem Blick.

„Das Tor stand auf“, sagte sie zögernd und strich sich das Haar zurück.

Hinter den Birken umklammerte die blonde Frau ihre Ledertasche.

 

„Ich – ich interessiere mich dafür“, sagte die Frau.

Sie deutete mit einer hilflosen Geste auf die Gräber, dann zog sie ihren Schal enger um den Hals.

Der alte Mann sah sie an, aufgebracht, zweifelnd, es war zuviel geschehen in letzter Zeit und zuviel in seinem Leben.

Dann nickte er plötzlich und winkte das Paar zu sich, das ihm zum Tor folgte, langsam, flüsternd.

Sie traten  auf die Straße hinaus.

Der alte Mann schloss das Tor, drehte den Schlüssel und wandte sich ihr zu.

„Da hinten“, sagte er und hob eine Hand. „Da stand die Synagoge.“

Der Trenchcoat flatterte um seine Beine, seine Lippen blau und kalt.

„Aber das“, sagte er, „ist lange vorbei!“

 

Der Taxifahrer entriegelte den Wagen und drehte das Radio leiser; der alte Mann stieg ein und mit ihm das junge Paar.

Der Taxifahrer schob einen Kaugummi in den Mund. Dann trat er auf das Gaspedal.

Hinter der Scheibe regenblasse Gesichter, Transport Richtung Reeperbahn.

Der Friedhof verschlossen, Birken gebeugt im Sturm.

Die Vögel seufzten unter der Last ihres Gefieders.

 


Vorwort aus "Midlife Blues"

 

von Jens Dirksen
Kulturchef der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

 

„Je mehr sich die täglich neu organisierte Aufregung der Massenmedien den Schrillen, Reichen und Mächtigen

zuwendet, desto wertvoller werden Erzählungen wie die von Ursula Maria Wartmann. Ihr Fokus liegt auf Menschen,

wie sie im Alltag unseren Weg kreuzen. Und für die sich die Medienkarawane bei ihrem Zug durchs globale Dorf

nur dann interessiert, wenn sie Babies in der Kühltruhe liegen haben oder besonders monströse Arten der Triebabfuhr.

Der Wartmann’sche Mikrokosmos hingegen besteht aus den Erniedrigten und Beleidigten unserer Tage,

die mit sich und der Kapitulation vor dem Treiben um sie herum ringen.

Selbstverständlich steckt in ihnen allen auch ein Stück von uns, sonst würden uns diese Erzählungen

nicht so seltsam vertraut vorkommen, sonst würden sie nicht etwas berühren in uns. Sie sind genaue Beobachter des Alltags,

sie schildern seine kleinen, manchmal auch größeren Fallen und wie Menschen darauf zulaufen, nicht unausweichlich, aber mit guten Gründen.

Diese Prosa ergreift Partei auf eine denkbar lakonische Weise – indem sie die Wirklichkeit ohne falsche Aufregung,

aber mit einer klar konturierten Perspektive in den Blick nimmt.

 

Da ist das Mädchen, das schon ahnt, wie falsch es war, die Einladung der Freundin mit dem schmierigen Vater anzunehmen,

und doch nicht anders kann, weil im Mitleiden aus der bloßen Solidarität Zuneigung wird. Da ist das Milieu,

da sind die Illusionen der abgerutschten Frau, die nicht wissen will, dass ihre Sucht größer ist als die Liebe zu ihrem Sohn,

weil sie sonst zerbrechen würde. Oft sind es Kümmerer, denen wir da begegnen: Menschen, die sich um andere

kümmern - oder solche, die dem Kummer standhalten müssen, gleichwie.

Lauter Mischungen aus Typ und Charakter jedenfalls, gezeichnet mit einer ungewöhnlich präzisen Psychologie,

in der gegensätzliche Motivlagen wie Liebe und Hass, Fürsorge und Verrohung, Mitleid und Egoismus

einander durchdringen, nicht fast, sondern ganz so wie im wirklichen Leben.

 

Das große Kunststück dieser Prosa aber liegt in ihrer Verknappung auf das Notwendige. Kein Satz, kein Wort ist zu viel,

im Gegensatz zum Geschwätz eines Zeitalters, das vor lauter Informationen immer weniger weiß, worum es geht und warum. In Sätzen, die manchmal ein halbes Gegenwarts-Panorama abgeben:

„Die Vögel seufzten unter der Last ihres Gefieders.“

Ursula Maria Wartmann sucht nicht das besondere, sondern das treffende Wort, sie putzt den Alltag nicht auf,

sondern malt ihn mit seinen ureigenen Grautönen, aber das eben ungemein vielschichtig und, aber ja doch, bunt -

mit Hunderten von Nuancen und feinen Variationen, die gerade in ihrer Genauigkeit von der Sehnsucht

nach dem richtigen Leben mitten im falschen erzählen.

Wie es ist, so ist es nun einmal, aus guten Gründen, die nicht selten auch schlechte sind. Aber es könnte auch ganz anders sein.

Es sollte.

Es müsste.

Das ist der humane, mit Ernst Blochs großem Wort utopische Impuls dieser Prosa. Und der eigentliche Antrieb,

ihre frei erfundenen Geschichten aus dem wirklichen Leben im wirklichen Leben zu lesen.“